Reif für die Insel

Irland - Der Sommer

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 19. August 2009

Jetzt geht’s wieder los (Sankt Augustin, Deutschland, nach irgendwo in Großbritannien)

Alle halten ja unseren Schritt nach Irland zu gehen für so wahnsinnig mutig. Für uns ist es aber gar kein so großer Schritt. Gemäß Josuas Motto: “Wir sind einmal um die Welt gekommen, dann schaffen wir die Insel da auch noch!“ Ich sehe das ähnlich. Deutschland war nur ein Zwischenstopp, um jetzt einfach mit dem Fortzufahren, was wir das ganze letzte Jahr ja schon gemacht haben. Und wir reden hier von Irland und nicht Indonesien oder Ländern, die unserer Kultur noch fremder sind.

Aber kurze Rückschau.

Leider musste ich feststellen, dass nicht alle unserem Tun wohlgesonnen sind. Es gibt nun mal Menschen, die unglaublich missgünstig sind. Eigentlich sehr bedauerlich. Aber wir haben auch gerade über das WDR 5 Interview ganz tolle Menschen kennen gelernt, die den Kontakt zu uns gesucht haben, da auch sie so ihre Probleme mit dem deutschen System haben.

Das scheint irgendwie ein gängiges Motto von Menschen mit Kindern zu sein. Zumindest die Wahrnehmung, dass Kinder und Deutschland echt anstrengend ist.

Christian und ich haben uns überwunden und unsere Kellereinlagerung ausgeräumt, um die dummerweise ganz nach hinten gestellten Kisten nach vorne zu holen, da in Irland Häuser normalerweise möbliert vermietet werden, so dass wir nicht alles mitnehmen müssen. Besonders keine dämlichen Küchen oder Möbel. Von den Kisten haben wir auch nochmals etliche aussortiert, die wir jetzt erstmal nicht brauchen.

Wir haben dann endlich Nägel mit Köpfen gemacht und haben die Fähren gebucht. Es fiel doch noch relativ viel Gepäck an, so dass wir uns einen Tag mehr geben mussten. Und endlich hieß es dann das Auto beladen.

Mensch, was nicht alles in so einen Renault Megane passt. Von Kinderwagen über Zelt bis hin zu Akten, Drucker und Computer ging echt unsere kleine Grundausstattung rein.

Und ich war doch so stolz, dass ich die ganze Zeit bei meiner Mutter nicht all zu großen Stress mit ihr hatte, aber heute krachte es dann doch noch. Drei jecke Kinder im Zaum zu halten, die von 6 Wochen Oma-Urlaub total durch den Wind waren, bloß an alles Wichtige denken und dann meine Mutter, die meinte uns heimlich die ganze Zeit irgend einen Scheiß noch mit ins Auto räumen zu müssen. Ist ja nicht so, als wenn wir nicht versucht hätten, unseren Kram immer und immer wieder zu reduzieren und dann jemand, der die ganze Zeit dazwischen funkt.

Ziel ist es nicht, das Auto bis Oberkante Unterlippe mit irgendetwas vollzustopfen, sondern auch noch Luft zum Atmen zu lassen. Und wer schon mal mit Auto gecampt hat weiß, wie ätzend es ist, wenn man vor lauter Kram das Wesentliche nicht mehr finden kann. Besonders bei dem gemütlichen Irlandwetter macht Suchen und Ausräumen richtig viel Spaß.

Und endlich, endlich waren wir wieder „on the road“. Was für ein Gefühl. Nicht wissen was kommt, das ultimative Gefühl von Freiheit.

OK, Belgien ist jetzt nicht das Land, wo man großartige Freiheitsgefühle entwickelt. Eher schläft man hinterm Steuer vor gähnender Langeweile ein. Ich muss zu meiner Schande auch gestehen, dass ich noch nie wirklich in Belgien war. Es war schon immer nur ein Transitland auf dem Weg nach Frankreich. Vielleicht sind mir die verborgenen Werte dieses Landes nur noch nicht aufgefallen. Weil verborgen, oder weil sie einen von den Autobahnen einfach nicht wirklich anspringen.

Frankreich war aber auch nicht spektakulärer. Mag daran gelegen haben, dass es schon dunkel war.

Viel zu früh kamen wir bei P&O Ferries in Calais an. Und ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber unsere Pässe wurden nicht nur verlangt (mmh, wie die duften, nach großer weiter Welt), sondern aufs sorgfältigste gescannt. Ürigens nicht von französischen Beamten, sondern von der UK Border Control. Vor dem Fährgelände patrollierte Sicherheitspersonal mit Hunden. Mann Oh Mann, nicht schlecht für eine EU Binnengrenze.

Now the ferry starts. (Calais, France)

Und obwohl wir den billigen Nachttarif (39 Euro) um 00:35 Uhr gebucht hatten, durften wir sofort die nächste Fähre um 22:30 Uhr nehmen. Diese war eher ein langweiliges Exemplar und wir versuchten alle, außer Florian, ein Stündchen Schlaf zu bekommen. Länger als 1 1/2 Stunden braucht die nämlich nicht bis England.

In England angekommen hieß es dann für Chris und mich die ganze Nacht abwechselnd durchfahren, um morgends dann die Fähre in Liverpool zu erwischen. Kurz vor Liverpool haben wir dann doch noch zwei Stunden auf einem Autobahnparkplatz schlafen müssen.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 20. August 2009

Und da sag noch einer, Fähre fahren sei langweilig (Liverpool, England, nach Rush, Irland)

Gott sei Dank haben wir das Schlafen an ungünstigen Orten ja reichlich geübt, so dass ich nicht so große Probleme hatte. Nur gen Morgen brauchte ich dann doch noch eine Ablösung, da die Augen einfach nicht mehr aufbleiben wollten.

Am Hafen von Liverpool haben wir uns erst total verfahren, bis Christian an einem etwas heruntergekommenen Hafenabschnitt die schon geöffnete Imbisbude ansteuerte und mal fragte, wo wir denn eigentlich seien.

Wir haben die Einfahrt zu P&O Ferries doch noch gefunden, wobei das hier überhaupt nicht nach einer richtigen Fähre aussah.

Jedes Auto musste einzeln durch ein Tor fahren und bekam dann nach kurzem warten sein Ticket. Wenn die das mit jedem Auto so machen, dann haben die aber was zu tun. Oder aber die Fähre besteht eigentlich nur aus Lastanhängern und ganz wenigen Privatpkws. So war es in unserem Fall dann auch. Es war eigentlich eine Frachtfähre, die noch ein paar Autos mit dazulud.

Florian is catching up some sleep. (on the way to Ireland)

Und so schäbbig Fähre und Fährgelände von außen wirkten, so toll war die Fähre von innen. Es gab tolle Sofabänke auf denen wir die rund acht Stunden verschlafen konnten und die Kids genossen es, auf Socken über den Teppich um den kleinen Block zu laufen.

The children are playing on the ferry. (on the way to Ireland)

Erst liefen unsere alleine und im Laufe der Fahrt wurden es immer mehr Kinder, die mitrannten. Mensch, sind hier viele Kinder unterwegs. Und niemand, der sich am Kindergeschrei zu stören schien. Aber als allererstes gab es britisches Frühstück mit Ei, Bohnen, Speck und Würstchen. Genau das Richtige, was ich zum wach werden brauchte. Half nur nichts, ich schlief in dem Moment wieder, in dem ich auf meinem Sofa angekommen war, ein.

Es versprach eine recht langweilige Fahrt mit moderatem Wellengang zu werden und so gammelten wir zwischen Dösen, Schlafen und Langeweile vor uns hin. Unterdessen trainierten Lydia und Josua ihr Englisch beim Spielen mit den anderen Kindern hier an Bord. Wenigstens irgendjemand der einer vernünftigen Tätigkeit nachging.

Doch plötzlich tauchte ein Hubschrauber auf, der zwischen den drei sichtbaren Schiffen, die hier unterwegs waren, hin und her kreiste. Ich hab mir nichts dabei gedacht. Christian ist raus, um sich von seiner Langeweile abzulenken und zu sehen, was der Hubschrauber so treibt. Mir war das zu langweilig bis ich aus dem Fenster schaute und hinten direkt über dem Heck des Schiffes den riesigen Rettungshubschrauber schweben sah.

Danach wurden wir Zeuge von einer spektakulären Rettungsaktion der irischen Küstenwache, die mit Rettungstrage jemanden von unserem Schiff barg.

The coast guard boarded the ship in the middle of the Irish sea... (on the way to Ireland)
...to fly someone to shore. (on the way to Ireland)

Ich habe so ein Schauspiel aus unmittelbarer Nähe und das auch noch auf offener See nie gesehen. Wahnsinn! Wenn ich mal groß bin, dann mach ich auch einen Hubschrauberflugschein. Hi! Hi! Hi! Das mit dem groß werden kann ich mir wohl in die Haare schmieren.

Es gab dann tatsächlich nochmal etwas zu essen und dann waren wir auch schon in Dublin.

Ich muss zugeben den Verkehr hier in Dublin habe ich nie vermisst gehabt.

Aber Hallo! Was hat sich Dublin in den letzten sieben Jahren entwickelt. Die Straßen sind besser geworden und die Infrastruktur vor allem an Geschäften hat unglaublich zugelegt. Was haben wir damals immer nach allem gesucht, jetzt gibt es alles.

Unser Plan war erstmal nach Rush auf den Campingplatz zu fahren. Lydia ist damals hier zur Schule gegangen (in die Schule neben dem Campingplatz, nicht auf dem Campingplatz). Der Campingplatz war eine echte Entäuschung. Die tollen Plätze mit Meerblick waren nur für die Caravans.

Sea view on the campside is only for the caravans. Tents have to stay behind the hill. (Rush, Ireland)

Die Zelte mussten hinter den Berg ohne Aussicht. Dazu kam der abartige Preis von 2x10 Euro und 3x5 Euro, also 35 Euro für die Nacht. Selbst Flo musste zahlen und das alles dafür, dass die Duschen nicht mit inklusive waren sondern man dort auch noch ein 2-Euro-Stück für ein bisschen Wasser einwerfen musste. Aber für eine Nacht und in unserem Zustand blieb uns nicht viel übrig.

Wir sind dennoch einmal kurz in Skerries bei unserem alten Haus vorbei gefahren. Mensch, was hat sich auch Skerries verändert. Das ist ein echter Nobelvorort von Dublin geworden.

Und dann hieß es auch ab in die Heia.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 21. August 2009

Wir fahren dann mal Richtung Süden (Rush nach Youghal, Irland)

Wir waren doch nicht ein Jahr unterwegs, um nicht zu wissen, wie man die zwei Euro extra für die Dusche umgehen kann. Mit Duschen auf Indonesisch haben wir das Problem umgangen. Für irgend etwas müssen unsere Kochtöpfe ja gut sein. Und dann waren wir auch schon wieder auf der Straße. Quer durch Dublin um festzustellen, dass die Beschilderung wie auch schon gestern beim ankommen eher eingeschränkter Natur war.

Hinter Dublin gab es dann tatsächlich Autobahnen. Wobei ich nicht weiß, ob es diese schon damals gab, noch ob alle Iren wirklich wissen, wie man solche nutzt. Jeder Deutsche wäre doch glücklich, die ganze Zeit links fahren zu dürfen. Und was machen die Iren, selbst die Laster, sie fahren immer ganz weit rechts.

In Waterford angekommen mussten wir feststellen, dass die Stadt zwar nett ist, aber die Landschaft drum herum echt langweilig. Also ging es für uns weiter Richtung Dungarvan und endlich tauchte die raue Klippenlandschaft auf, die doch so typisch für Irland ist und auch in meinem Geiste herumspukte.

Landscape. (somewhere in Ireland)

Fragt mich nicht, was es war, aber in Dungarvan sind wir kurz ausgestiegen und es hat uns allen auf Anhieb gefallen. Es ist eine süße Kleinstadt am Meer. Nichts besonderes, aber doch sympathisch.

The south coast of Ireland. (somewhere in Ireland)

Da der Tag aber noch nicht vorbei war, sind wir noch weiter nach Youghal, wo wir beim Tesco eine Telefonkarte gekauft haben. Ohne Telefon keine Möglichkeit mit Maklern zu kommunizieren. Und da es in Irland nicht so kompliziert mit der Registrierung ist, um genau zu sein, es gibt keine, haben wir das ganze umgehend auf dem Tescoparkplatz mal ausprobiert und in Deutschland Bescheid gesagt, dass wir dort sind, wo wir sein sollten.

Youghal ist auch ein nettes Städtchen und wir haben uns langsam auf die Suche nach einem Campingplatz gemacht. Die sind hier leider nicht so zahlreich vertreten, wie in Australien oder Argentinien. Irgend ein Schild fiel Christian dann beim vorbeifahren doch noch auf und wir bogen in die Pampa ab. Als wir den Campingplatz gefunden hatten, war leider niemand aufzutreiben, so dass wir weiter gefahren sind.

Ich war ja schon seit Waterford total fertig und kämpfte mit meinen Erschöpfungskopfschmerzen. In Midleton entschlossen wir dann, wieder umzukehren, denn weiter Richtung Cork gibt es bestimmt nichts mehr zum Campen. Wenigstens wissen wir jetzt, wo unsere Thermarest-Matten herkommen. Die werden nämlich in Midleton hergestellt. Super!

Wir sind dann wieder Richtung Küste und trafen auch auf einen Caravanpark, aber das war er auch. Nur für Caravans. Zelten scheint hier gar nicht so üblich zu sein. Könnte am Wetter liegen. Wenig Angebot von Campsites und normalerweise werden Zelte immer nur zwischen die Caravans gepackt.

Sunset. (Balymacoda, Ireland)

Wenigstens nannte man uns bei dem Caravanpark einen anderen, der wohl auch Zelte akzeptierte. Und wer hätte es gedacht, als wir dort ankamen nach einigem Verfahren, die Beschilderung auf dem Land ist nicht besser als in den Städten, waren wir dort, wo wir schon vor zwei Stunden waren. Diesmal war aber jemand da und so sind wir dann hier geblieben mit bomben Sonnenuntergang.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 22. August 2009

Mal hoch, mal runter (Youghal nach Clonakilty, Irland)

Mit bomben Wetter und einer kaputten Dusche ging es am Morgen weiter. Der Campingplatz war nur 25 Euro inklusive Dusche und netten Betreibern, die Christian anboten, die Damendusche zu benutzen, da der Wasseranschluss der Herrendusche kaputt sei. Sie hätten extra schon zwei verschiedene Anschlüsse, um solche Iritationen auszugleichen.

Ich muss zugeben, der irische Akzent ist gewöhnungsbedürftig, nachhaltig.

Wir sind dann wieder zurück nach Youghal zum Tesco. Und da ich gestern dort gar nicht drin war, ging für mich echt die Sonne auf. Die Produkte gleichen stark dem von uns so geschätzten australischen Angebot und die Preise sind zum Teil echt moderat. Ich hatte mit Schlimmem gerechnet, aber selbst hier wirbt man mit ALDI-Preisen. OK, die Milch ist etwa doppelt so teuer wie in Deutschland, aber das ist noch verkraftbar. Ansonsten ist Irland inzwischen auch fest in der Hand von Lidl und Aldi, so dass die Preise im Vergleich zu vor sieben Jahren echt extrem gefallen sind. Damals waren wir ja fast in Ohnmacht gefallen, als eine durchschnitliche Packung Windeln um die 20 Euro gekostet hat. Heute bekommt man diese schon für weniger als 7 Euro.

Über eine spektakuläre Straße sind wir dann weiter nach Lismore. Ein etwas touristisches Städtchen, aber mit hauseigener Burg. Weiter ging es durch die Knockmealdown Mountains, die echt fantastisch waren.

Danach wurde es leider sehr langweilig. Mitchelstown, Mallow, Coachford sind alles Käffer, die zu groß für Einsamkeit und zu klein für gute Infrastruktur sind. Dazu kommt, dass sie Einzugsgebiet von Cork sind und somit nicht wirklich schön, da mit neuen Reihenhaussiedlungen verschandelt.

A different way of packing logistics. (Ireland)

Richtung Bandon wurde es wieder etwas netter, aber auch nicht spektakulär. Nette Hügellandschaft mit viel Landwirtschaft. Es ist nicht spektakulär genug für die eingeschränkte Infrastruktur, die man zum Teil in kauf nehmen müsste, wenn man hier her geht.

Wir haben hinter Timoleague einen netten Campingplatz, oder besser Caravanpark gefunden, der mit 24 Euro inklusive Duschen echt der beste bis jetzt war. Es gab einen Aufenthaltsraum und tolle Spielplätze mit noch mehr Kindern, die zum Großteil hier in den Mobilehomes wohnen. Und Lydia und Josu lernen Englisch wie im Fluge. Und selbst unser Jungster stellt schon wieder um. „Tschüss“ war gestern. Wenn er jetzt gedenkt abzuhauen, sagt er wieder „Bye“. Das war doch in den sechs Wochen in Deutschland soviel besser geworden.

Ob der jemals Deutsch lernt?

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 23. August 2009

Go West, oder doch besser Ost? (Clonakilty nach Youghal, Irland)

Das Wetter ist echt erbärmlich heute. Unser Zelt muss eine defekte Innenwand haben. Auf jeden Fall schwammen die Isomatten förmlich im Wasser. Mag auch daran gelegen haben, dass draußen auch alles schwamm. Wenn das heute nicht aufhört zu regnen, dann müssen wir im nassen Zelt, mit nassen Sachen schlafen.

Aber das wollten wir ja so. Oder so ähnlich zumindest.

Für uns ging es heute weiter gen Westen auf der Suche nach „"Dem Platz“". Aber auch hier ließ sich die Landschaft immer noch sehr müde an. Nicht hässlich, nicht dass man mich falsch versteht. Aber irgendwie noch nicht das, was wir erwartet haben, oder suchen. Wobei ich gar nicht weiß, wonach wir eigentlich suchen. Ich weiß nur, hier ist es noch nicht gefunden.

Vor Skibereen wurde die Landschaft dann zunehmend attraktiver und auch Skibereen machte einen äußerst sympathischen Eindruck auf den ersten Blick. Dennoch sind wir weiter und immer weiter Richtung Westen. Die Westküste entpuppte sich dann leider als Touristen- und Rentnerenklaven. Schade, hätte doch eigentlich so schön sein können.

In Bantry entschieden wir uns schließlich, wieder Richtung Cork zu fahren. Der Westen ist einfach zu fern ab von allem.

Die Strecke zurück war aber endlich das, was ich die ganze Zeit gesucht habe. Einzigstes Problem, so schön einsame Berglandschaften auch sind, sie sind genau das: „Einsam!“ Und das geht einfach beim besten Willen dann doch nicht, wenn unser Leben nicht nur aus Autofahren bestehen soll.

Sonntags ließ sich die Innenstadt von Cork gut passieren und weiter ging es nun gen Osten bis wir wieder zurück in Dungarvan waren. Leider machte Dungarvan beim zweiten Blick schon nicht mehr soviel her.

Also weiter wieder nach Lismore. Naja! Das ist auch ganz schön kaffig und Infrastruktur gleich null.

Kleines Kriesenmanagement und studieren der Karte. Da wir auch weit und breit an keinem Campingplatz vorbeigekommen waren, entschlossen wir wieder nach Youghal auf den Campingplatz zu fahren. Derweil diskutierten wir, ob es Sinn mache hoch nach Galway zu fahren. Aber das könnte letztendlich auch bedeuten, dass dort auch nicht das ist, wonach wir suchen und dass wir nur Zeit verlieren. Die Schule wartet nicht ewig.

Mensch, ich hätte niemals gedacht, dass es so schwer sein könnt, einen schönen Ort zu finden, wo man gerne sein möchte.

Irland bedarf echt etwas Zeit zum einschauen.

Irelands' houses.

Es ist nunmal nicht so spektakulär wie der Mungo Nationalpark in Australien, oder die Anden.

Almost as spectacular as Australia or Argentina. (Youghal, Ireland)

Aber Irland hat etwas unglaublich liebliches und etwas so freundliches, so dass ich nicht den Eindruck habe, dass irgendeiner von uns das Gefühl hat, er wolle hier unbedingt weg. Wir suchen ja nicht das Spektakuläre, das hatten wir die ganzen letzten 12 Monate, sondern viel mehr die irische Erfahrung.

Es ist eine ganz eigene Erfahrung, so durch ein Land zu reisen, also immer auf der Suche nach Orten, an denen man potenziell bleiben könnte. Es hat aber etwas unglaublich reizendes und herausforderndes.

Und noch mehr Freiheit, als sich frei einen Platz auf dieser Welt zu suchen, kann es doch gar nicht mehr geben.

A dream comes true. (Youghal, Ireland)

Hier wird glaube ich gerade ein Traum wahr, von dem ich niemals im Traum geglaubt hätte, dass es so etwas wirklich geben könnte. Vergleichbar mit dem Traum mal fliegen zu können, ohne Flugzeug, und auf einmal kann man es.

Und dann war es da. Vor lauter Suchen fast übersehen. "Unser Platz!"

"Youghal", was auf den zweiten Blick richtig nett und sympatisch wirkte.

Youghal. (Ireland)

Und je mehr wir durch die Stadt kurvten, um so mehr erschlossen sich uns die grandiosen Aussichten auf den Atlantik und die süße Einkaufsstraße mit ihrem typisch irischen Charme.

Auf dem Campingplatz freute man sich, uns wieder zu sehen.

The Irish love trailer parks, so we stayed at this one for a whole week. (Balymacoda, Ireland)

Debora, die Dame des Platzes, schlug vor, dass ich für drei Euro ihre Waschmaschiene nutzen könne. Klasse, auf dem anderen Campingplatz wollten die 4,50 Euro für eine Maschiene.

Und wärend wir so schnackten und ich so von unseren Plänen berichtete, meinte sie, dass sie sich ja mal in Youghal umhören könnte, ob nicht jemand ein Haus im Angebot hätte. Denn hier herrscht im Moment echtes Überangebot. Das sah vor sieben Jahren noch ganz anders aus.

Sagte ich schon, dass Debora uns auch darüber informiert hat, dass einige Schulen schon jetzt am Donnerstag starten? Puh, etwas Zeitdruck, aber was soll's. Wir können ja nichts ändern und einfach nur schauen, was da so kommt. Das passt schon alles irgendwie. Im Zweifel kommen die Kids dann halt ein paar Tage später in die Schule.

Ich bezweifele, dass Chris und ich diese unglaubliche Ruhe schon vor einem Jahr an den Tag gelegt hätten. Ich vertraue dann ganz und gar aufs Leben. Es gibt immer einen Bus.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 24. August 2009

Wieviele Makler passen in eine 6.000 Seelengemeinde? (Youghal, Irland)

Viele, ist die richtige Antwort. Sehr viele. Wir haben bestimmt gefühlte zehn Maklerbüros abgeklappert, die alle ein Büro auf der Hauptstraße hier haben. Und die ist bestimmt nicht viel länger als 1000 Meter.

Main street in Youghal. (Ireland)

So direkt das was wir suchten konnte uns keiner anbieten. Wir hätten ja schon gerne vier Schlafzimmer. Aber mit dreien würden wir uns auch zufrieden geben. Dann müssen die Jungs halt in ein Zimmer.

Town center. (Youghal, Ireland)

Ach ja, in Irland und auch in Großbritanien werden immer nur die Anzahl der Schlafzimmer und nicht die Quadratmeter eines Hauses angegeben. Das Wohnzimmer und Küche dabei ist, geht jeder von aus.

Ein Makler hatte ein Cottage auf der anderen Seite der Bucht im Angebot. Wir sind mal rumgefahren, um es uns schon mal von außen anzuschauen. Leider liegt es echt in der Pampa. Man schaut zwar schön auf Youghal, was Luftlinie übers Wasser auch nur zwei Kilometer entfernt ist, aber es sind gut 15 Kilometer über die Straße bis in die Stadt. Und wie wir erfahren haben, sind die Landschulen oft überfüllt, so dass sie einen nicht nehmen. Die können sich das nämlich normalerweise aussuchen.

Ein weiteres Problem, welches bei der Wohnungssuche auf uns zuzukommen drohte, ist das Unwesen der References. Keine Reference eines Arbeitgebers, kein Mietvertrag.

Schauen wir mal, es findet sich bestimmt eine Lösung.

Eine PPS-Number (Sozialversicherungsnummer) hat Christian ja zum Glück schon von unserem damaligen Irlandaufenthalt.

Unsere Mitteilung, dass wir „long-term“, also 12 Monate, mieten wollen, stößt auf Wohlwollen, da diese 3-6 Monats Vermietungen immer so eine Sache sind und nicht das beste Image besitzen.

Da die Sommerferien jetzt zuende gehen, sollen ab nächster Woche ganz viele Häuser frei werden, die als Sommerdomizile gemietet waren. Youghal (sprich Yawl) ist nämlich ein beliebtes Urlaubsziel der Iren im Sommer.

Im Zweifel müssen wir auf nächste Woche warten.

Zurück bei unserem Zelt taucht Debora auf und meint, ihr Bruder hätte ein Haus zur Verfügung, sie könne ja mal fragen.

Leider stellte sich heraus, dass es schon weg war. Wäre vermutlich sowieso nichts gewesen, da es mitten in der Stadt und daher ohne Garten war.

Am Abend kam Debora nochmals strahlend angerannt: „It's a baby girl!“ rief sie schon von weitem.

Ihre Tochter hatte das zweite Kind und somit auch Deboras zweites Enkelkind bekommen. Und das bei insgesamt vier Töchtern. Da kommt bestimmt noch mehr.

So schön Irland auch ist, aber ein echter Kritikpunkt sind die Straßen hier. Zwar sind die kleinen Landstraßen malerisch von Hecken gesäumt, das heisst aber auch, dass man von der Landschaft dahinter nur selten etwas zu sehen bekommt. Und zum Radfahren, geschweige denn Spazierengehn, sind sie gänzlich ungeeignet.

It looks beautiful, but it is horrible to walk this streets. (Youghal, Ireland)

Nicht nur, weil sie so schmal sind und keine Bürgersteige besitzen, sondern weil man hier 80 km/h fahren darf. Ich komme oft nichtmals auf 60, da die Sicht zu schlecht und die Kurven zu eng sind, aber für ortskundige Fahrer sind die 80 wohl eher eine Untergrenze auf den engen Straßen.

Das nervt mich hier echt, dass man nicht mal ein Ründchen spazierengehen kann. Man ist aufs Auto angewiesen, um die Grundstücke im ländlichen Raum verlassen zu können.

Cars are passing by very fast on Ireland's small roads. (Balymacoda, Ireland)

Apropos, die Iren haben inzwischen konsequent alle Schilder von Meilen/h auf Km/h umgestellt. Sehr praktisch für uns, da sich trotz akribischem Gebrauchsanweisungsstudium unser Tacho im Auto in England nicht umstellen lassen wollte.

Ach ja, noch was kurioses.

Die Iren haben wohl auch eine Abwrackprämie, wobei der Moderator im Radio auch meinte, dass das ja schön für den Fabrikarbeiter in Deutschland sei, aber den Iren bringt das gar nichts, da sie ja gar keine Autoindustrie besitzen. Außerdem würde man doch auch keine Häuser abreißen, nur um die Bauwirtschaft anzukurbeln.

Die Warnehmung der öffentlichen Medien ist, dass es in Deutschland und Frankreich gelungen sei, die Wirtschaftskrise zu überwinden, und so diskutiert man hier die Einführung aller möglichen sinnfreien Maßnahmen aus den anderen europäischen Ländern. Der „bad bank“ hat man hier aber vorsichtshalber ein kryptisches Acronym verpasst, da in einem englisch-sprechenden Land eine „schlechte Bank“ dem Wahlvolk natürlich nicht zuzumuten ist.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 25. August 2009

Warten! (Youghal, Irland)

Den Vormittag haben wir damit verbracht, mit den Kids wieder die Schulbücher aufzuschlagen. Lydia muss unbedingt wieder ans Englisch und Josua muss mal wieder etwas lesen.

Am Nachmittag hatten wir dann endlich die erste Hausbesichtigung. Das Haus war in einem total chaotischen Zustand durch die Mieter, aber der Garten war toll und die Gegend wimmelte vor Kindern. Es waren drei große Bedrooms mit denen man sich gut arrangieren könnte.

Das zweite Haus war zwar sehr viel netter von innen gestaltet, aber auch sehr viel kleiner und der Garten bestand nur aus Beton und einer grauen Mauer, auf die man schaute. Dafür hatte man einen tollen Blick auf die Bucht und der Rasen war vor dem Haus. Danach zeigte die Maklerin uns noch eine Wohngegend, wo bald ein 4 Bedroom Haus frei werden sollte. Die Gegend wirkte sehr nobel und nicht sonderlich symphatisch.

Marry, die Maklerin, war ausgesprochen kommunikativ und erzählte uns, dass sie auch wegen der guten Schulen nach Youghal gekommen sei und es unten in der Stadt (Youghal schmiegt sich so an einen Berg) drei Grundschulen gäbe. Eine davon sei irisch.

Und was ich total süß fand war ihre Sorge um ihre Kids im Teeniealter, die immer nur Downtown sein wollten und das erschien ihr doch reichlich gefährlich. Wir reden von einer 6.000 Seelenstadt mit einer niedlichen, aber so was von harmlosen Einkaufsstraße, dass ich mich frage, was Teenies denn da wollen? Der Neue Markt in Meckenheim, wo wir früher einmal gewohnt haben, immerhin mit 25.000 Einwohnern, ist im Vergleich dazu ja die Bronx gewesen.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 26. August 2009

Tag der Wunder! (Youghal, Irland)

Da feststand, dass wir irgendwo stadtnah ein Haus haben wollen, sind wir am morgen los zur größten Grundschule, die uns alle genannt hatten. Hier haben wir kurzerhand die Anmeldeformulare ausgefüllte. Uns konnte man aber noch keine Zusage machen, angeblich weil wir nicht katholisch sein. Der whare Grund lag wohl eher in den ohne hin schon riesigen Klassenstärken. Des weiteren brauchte man die Geburts- und Taufurkunden, wie ein Passfoto und PPS-Nummern der Kinder. Wäre alles möglich gewesen, bis auf die PPS-Nummern. Für die hätten wir nicht nur bis Cork gemusst, sondern dort auch einen Adressennachweis aus Irland vorlegen müssen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz, denn ohne PPS Nummer normalerweise kein Haus.

Wir sind dann weiter und rannten an der zweiten Grundschule vorbei. Wir zögerten etwas hinein zu gehen, da alles auf Irisch draußen stand, so dass wir vermuteten, dass es sich hier um die irische Schule handelte.

Wir haben uns dann doch noch reingetraut in das alte Kirchengebäude. Hier stolperten wir direkt in die Direktorin, die meinte, sie seien keine irische sondern eine protestantische Grundschule. Bingo! Denn Protestanten muss so eine Schule wohl nehemen. Und dann ging alles ganz schnell. Anmeldeformular, Bücherlisten und Uniformliste wurden uns in die Hand gedrückt. Wir mussten leider sofort wieder gehen, da wir einen Maklertermin hatten. Also rasten wir mit dem Auto zum Makler, ich sprang ins Büro und bevor wir uns versahen, standen wir in unserem Traumhaus.

Mayby it doesn't look that beautiful from the outside, but it is perfect inside. (Youghal, Ireland)

Vier Schlafzimmer mit toller offener Wohnküche und Wohnzimmer auch offen zum Essbereich, in einer netten Gegend mit Wiese vor dem Haus und einem Garten, wo man hervorragend Bobycar fahren kann. Ach ja, freistehend. Und nicht nur, dass es mit 650 Euro das billigste der bisher gesehenen Häuser ist, sondern es hat einen fantastischen Blick auf den Atlantik. Mit Insel in der Bucht. Wahnsinn!

Ohne zu zögern sagten wir „Ja!“. Branden, der Makler, wollte sich um alles kümmern und sich dann bei uns melden. Und wenn alles gut ginge, würde er uns morgen die Schlüssel schon mal geben. Wow! Alles, was wir bräuchten wären 1300 Euro Kaution in Bar. Und da Chris schon wusste, dass das in Irland so üblich ist, hatte er schon in Deutschland 2000 Euro geholt gehabt, damit unsere Karten jetzt nicht bis ans Limit geschröpft werden müssen und kein Geld mehr für Schulsachen oder so übrig bleibt.

Jetzt aber nochmal schnell zurück in die Schule, die Anmeldungen abgeben und noch die Pässe kopieren lassen. Das war alles, was man von uns wollte, und man wünschte uns einen schönen Tag, bis morgen um 8:30 Uhr. Dann geht nämlich die Schule los.

Die andere Schule haben wir abgesagt.

Wir sind dann in den einen Laden, um die Uniformen zu besorgen.

Ach du Scheiße! Zwei graue Hosen, zwei gelbe T-Shirts und zwei hässlich grüne Pullies, das wollte ich meinen Kids doch ersparen, also nicht die Uniform aber wenigstens grüne Uniform. Und das ganze kostet sage und schreibe 110 Euro, für eine grotten schlechte Qualität.

Die Dame im Laden bot uns an, das Sportzeug erst nächste Woche zu kaufen, da diese Woche sowieso kein Sportunterricht ist. Vermutlich können sich viele die gesamte Ausstattung nicht auf einmal leisten. Uns ist es zwar egal, aber wir wollten erstmal schauen, wie sich die Schule anlässt, bevor wir noch mehr investieren und nach drei Tagen stellen wir fest, nee geht gar nicht.

Wir hatten dann noch einen Maklertermin. Mitlerweile sind wir bei den Maklern bekannt wie ein bunter Hund. Die Dame wusste schon all unsere Wünsche von den anderen.

Almost all houses have sea view here. (Youghal, Ireland)

Das erste Haus lag in einem Ferienpark und war einfach nur scheußlich. Sowohl von der Lage wie auch von innen. Hier wohnten mal wieder viel zu viele nicht miteinander verwandte Personen in viel zu wenig Zimmern zusammen, da sonst für viele die Mieten nachhaltig nicht bezahlbar sind. Obwohl Youghal heute im Vergleich zu Dublin damals vor der Imobilienkrise echt ein Schnäppchen ist.

Beach of Youghal. (Ireland)

Die anderen beiden Häuser kamen gegen unseren Favoriten vom Vormittag auch nicht mehr an.

Danach ging es direkt weiter ins 20 Kilometer entfernte Midelton die Schulbücher besorgen. Ein winziger Laden, wo eine lange Schlange herausstand und alle wollten sie die Schulbücher. Als wir an der Reihe waren, war die Ausbeute bescheiden. Von den … Büchern, die wir insgesamt bräuchten, waren gerade mal sechs da und die kosteten schon 60 Euro.

Total fertig, aber hoch zufrieden kehrten wir am Abend endlich zum Campingplatz zurück.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 27. August 2009

Josuas erster richtiger Schultag! (Youghal, Irland)

Ähh, Wecker! Wenigstens beginnt die Schule hier eine halbe Stunde später. Die Direktorin erzählte uns, dass sie den Schulstart um eine halbe Stunde vorverlegt hätten, da es einfach zuviel Chaos war, als sie und die große Grundschule direkt nebenan gleichzeitig Schulbeginn und Schluß hatten.

Mensch was ist das Aufregend. Auch Lydia und Josua waren total nervös als sie ihre Uniformen anzogen, um in die wohl unglaublichste Grundschule zu gehen, die ich je erlebt habe.

The kids have to wear school uniform. (Youghal, Ireland)

Nicht nur, dass sie in einer alten Kirche untergebracht ist, sondern sie besitzt auch nur 60 Schüler.

The new school of our children is inside an old church building. (Youghal, Ireland)

Und zwar 60 Schüler auf acht Klassen. Begonnen wird hier nämlich mit vier Jahren. Es gibt dann zwei Jahre Preschool und dann kommen sechs Jahre Grundschule.

Wir hatten mit der Direktorin ausgemacht, dass sowohl Lydia als auch Josua in ihre Altersgruppen gehen. Es war überhaupt kein Thema, dass die Kids das letzte Jahr nicht in der Schule waren. Somit ist Lydia vorerst in die fünfte Klasse gekommen. Hört sich blöd an, aber wenn man sich das Mathebuch anschaut versteht man, warum sie da besser aufgehoben ist. Das Buch behandelt den Stoff, der in Deutschland in der sechsten dran ist. Josua ist erstmal in die erste Klasse gekommen, da hier alle sein Jahrgang sind. Und man muss berücksichtigen, dass die Kinder hier in der ersten Klasse schon alle Lesen und Rechnen können. Zumal die Klassenzuteilung hier auch relativ ist, da aufgrund der Größe der Schule (bzw. der nicht vorhandenen Größe der Schule) die erste und zweite Klasse zusammen unterrichtet werden und auch die dritte bis sechste Klasse zusammen in einem Raum ist.

Das heißt, die dritte bis sechste Klasse umfassen dreißig Kinder und werden von zwei Lehrern gleichzeitig unterrichtet.

Bedeutet aber auch, dass wir besonders für Lydia auch Bücher der vierten und der sechsten Klasse kaufen müssen. Und während Lydia das Mathe der fünften Klasse macht, macht sie beim Englisch bei den Drittklässlern mit. Genial! Das nenne ich endlich mal Orientierung am Leistungsstand des Kindes. Aufgabe der Schule ist es, die Kinder auf die Jahresabschlussprüfungen vorzubereiten, die staatlich sind. Und wie man da hin kommt ist ganz egal. Also Homeschooling geht dies bezüglich auch und ist in Irland völlig akzeptiert, so dass das letzte Jahr auch kein Thema für die Schule war.

Aber zurück zu den Klassen. Lydias Klasse besteht noch aus ganzen drei weiteren Schülern und noch drei Schülern aus der sechsten Klasse, die gemeinsam an einem Tisch arbeiten. Das sind mal überschaubare Arbeitsgruppen.

Und da der Pausenhof so klein ist, haben die Kids unterschiedlich Pause.

Aber mit das Beste ist, dass Lydia und Josua immer gemeinsam zur gleichen Zeit Schulbeginn und -ende haben. Das macht es echt sehr viel leichter.

Die Kinder erlebten ihren ersten aufregenden Schultag in Irland und wir restlichen drei machten uns auf zum Makler. Der wollte von uns wirklich nichts weiter als das Geld. Kein Referenzschreiben, keine PPS Number (die wir ja sogar gehabt hätten), nichts. Er meinte, dass die Chemie stimmen muss und er ein gutes Gefühl haben muss. Ich weiß ja nicht, womit wir sein Vertrauen geweckt haben. Vielleicht, weil wir Deutsche sind. Die gelten ja bei der brummenden Wirtschaft, in den hiesigen Nachrichten hat Deutschland im Gegensatz zum Rest der Welt die Krise hinter sich, als wohlhabend. Und wenn man nach Youghal zieht, muss man es sich leisten können, denn Arbeit gibt es hier sowieso nicht. Und „rent allowance“, also Wohngeld, ist bei vielen Vermietern nicht gerne gesehen. Auch dass wir 12 Monate mieten wollen ist immer schon mal ein Pluspunkt. Viele fühlen sich auch geschmeichelt, wenn ich erzähle, dass wir uns ganz Südirland angeschaut haben und Youghal ist der Ort, der uns am besten gefallen hat. Dazu kommt, dass wir wie die klassische irische Familie ausschauen mit drei Kindern und wir alleine in das Haus einziehen und nicht mit x anderen Personen noch. Das hat nämlich ein ganz schlechtes Image. Und vielleicht ist auch das nicht ganz billige Auto nicht zu verachten. Irgendwo muss das ja her kommen. Ganz ehrlich, das habe ich von meiner Mutter übernommen als mein Vater gestorben ist. Denn für soviel Geld würde ich lieber nochmal ein Jahr Weltreise machen, als ein Auto zu kaufen. Aber wir sind froh, dass wir so ein großes solides Auto jetzt haben, was vielleicht wirklich für einen seriösen Eindruck mit sorgt.

Und keine fünf Minuten bei Branden hatten wir die Schlüssel, eine Quittung über die Kaution, jede Menge Adressen, um Strom, Öl und Müll anzumelden und einen Exemplarvertrag, da wir das Original erst nächste Woche unterschreiben können. Die Verträge sind aber Standardverträge und sehen so aus, wie sie damals auch schon aussahen.

Ohne diese Vorerfahrungen hätten wir wahrscheinlich so nie gehandelt, insbesondere hätten wir uns wohl etwas geziert einfach jemandem 1300 Euro in bar in die Hand zu drücken, aber ich vertraue jetzt mal darauf, dass uns hier niemand verarschen will, sondern die Menschen hier einfach nur nett sind, dass wir jetzt schon mal einziehen können, auch wenn der Vertrag erst nächste Woche aufgesetzt werden soll.

This is the view from our living room. (Youghal, Ireland)

Wir fuhren nun erstmal zum Haus. Was fühlt sich das seltsam an. Noch ganz fremd. Nach über einem Jahr wieder die eigenen vier Wände. Wow! Wow! Wow! Und dann auch noch so ein riesiges tolles Haus. Also, wer vorbei kommen will, Platz ist genug da und jeder ist herzlich willkommen. Ob Verwandte, Freunde, Bekannte und solche, die es werden wollen. Einfach vorbeikommen, es ist echt toll hier. Das Haus, die Schule, die Stadt, das Land. Hoffen wir mal, dass das auch noch ein Weilchen so anhält.

Wir luden das Auto aus und fuhren zurück zum Campingplatz um das Zelt zu holen. Das hatten wir noch stehen lassen, da ja nicht sicher war, ob das wirklich alles so klappt.

Wir verabschiedeten uns von Debora und Billy. Die sehen wir bestimmt in der Stadt wieder. So groß ist Youghal nicht.

Weiter zum Supermarkt, um den ersten großen Einkauf zu machen.

Zurück zum Haus. Dieses ist so gut ausgestattet, dass es sogar Geschir gibt, so dass wir eine kleine Überraschung für die Kids vorbereiten konnten.

Die haben geschaut, als es von der Schule nicht zum Zelt sondern zum Haus ging. Und ehe ich mich versah, war Lydia draußen verschwunden und spielte mit den gleichaltrigen Mädels auf der Straße. Und was die für ein Englisch kann. Ich staune ja jedes mal.

This is the beach of Youghal. (Ireland)

Tja, und dann fing für mich das Putzen an. Ich weiß nicht, wieviele Quadratmeter wir haben, aber zwischen 140 und 160 mögen das gut sein. Und so sauber das Haus oberflächlich auch wirkt. Bei genauerer Betrachtung muss doch viel Energie reingesteckt werden, um es wohnlich zu gestalten. Man hat ja bei voll möblierten und eingerichteten Häusern irgendwie das Gefühl, bei anderen Leuten zu sein.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 28. August 2009

Putzen! Putzen! Und Schulbücher! (Youghal, Irland)

„"Ich bin heute morgen aufgewacht und habe als erstes den Atlantik gesehen!“": sagte Lydia.

Our island. (Youghal, Ireland)

Mein Geist ist total vom Putzen besessen. Alles, was ich im letzten Jahr nicht geputzt habe, muss jetzt nachgeholt werden.

Wir sind dann aber doch noch in die Stadt, um ein Bankkonto zu eröffnen, denn sonst können wir kein Internet bekommen und auch sonst keine Rechnungen bezahlen. Ohne Adressennachweis gibt es aber kein Konto. Und ohne Konto können wir keine Monatsmiete überweisen. Also was ist die Lösung? Ganz einfach. Die Bank schickt an unsere Adresse hier einen Brief. Mit diesem Brief gehen wir dann wieder zur Bank und bekommen das Konto. Logisch, nicht? So ist das, wenn es kein Melderegister und keine Personalausweise gibt. Aber wir müssen jetzt halt auf den Brief warten. Voraussichtlich bis Montag.

Danach haben wir die Kids mit dem Auto aus der Schule abgeholt. Im Moment fahren wir noch, wie es eigentlich fast alle Eltern machen. Mit dem Fahrrad ist es nicht wirklich möglich. Zum einen ist es den fehlenden Bürgersteigen geschuldet und zum anderen wohnen wir auf der einen Seite des Berges und die Schule ist auf der anderen.

Nachmittags fuhren Chris, Flo und ich nochmals nach Midelton um die fehlenden Schulbücher zu besorgen. Wenn ich bloß nicht die Buchliste vergessen hätte. Zu blöd.

Aber wir haben in Midelton einen Tesco gefunden, der um einiges größer ist als bei uns. Der bietet graue Schul-Hosen für sechs Euro an. Ich könnte mir in den Arsch beißen. Wir mussten 17 Euro zahlen. Beim nächsten mal wissen wir es. Außerdem nennt man das wohl Förderung der lokalen Infrastruktur.

Hier haben wir auch endlich Bettlaken bekommen, die wir in Deutschland vergessen haben einzupacken. Irgendwie haben wir nicht weiter als Zelt und Schlafsack gedacht.

Und der Tag endete wie er begonnen hat.

Putzend!

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 29. August 2009

Dann halt nach Cork (Youghal, Irland)

Nach ein bisschen Putzen, auf nach Midelton. Diesmal mit Buchlisten. Aber es war trotzdem kaum etwas da von dem was wir brauchten. Also mussten wir doch noch nach Cork.

Vorher aber noch zum Tesco für Josua schwarze Schulschuhe kaufen.

Cork ist relativ unspektakulär, hat aber eine nette Innenstadt mit allem, was man so braucht. Somit auch einer großen Buchhandlung, die zu viel günstigeren Preisen die Bücher anbot. Wie gut, dass der Laden in Midelton so wenig da hatte, denn für die restlichen Bücher mussten wir auch hier nochmals 100 Euro hinlegen.

Das Schulbuchdrama ist ein Thema, welches hier auch durch die Medien geht. Man könnte ja meinen, man könnte die Bücher von Kind zu Kind weiterreichen, dem ist aber nicht so, da jedes Jahr eine neue Auflage raus kommt, die angeschaft werden muss.

Und in der weiterführenden Schule muss das zu richtigen Problemen führen, da es dann pro Kind rund 400 Euro kostet. Wie schon gesagt, wir haben eine klassische Familiengröße hier, so dass für viele über 1200 Euro mal eben an Schulbücher an Kosten zukommt.

Lydia hat Glück. Mit 11 Jahren braucht sie als Neueinsteigerin ins hiesige Schulsystem kein Irisch mehr lernen. Aber der Josua muss. Ich bin ja mal gespannt.

Und auch dieser Tag ging zuende. Wie die Tage davor, putzend.

Es ist schon erstaunlich, was man alles für Kram und Dreck hervorholt, wenn man mal ein Sofa umkippt. Und Geld. Es gibt hier ja diese Sache mit den Kobolden und so, denen man Geld hinlegen muss und zwar überall.

The way into town. (Youghal, Ireland)

Die Housingcrises hat hier in Irland voll zugeschlagen. Das hatten wir schon 2002 gesagt, dass das irgendwann krachen muss, da die Häuser so total überbewertet waren. Wir haben damals auch für nur 60 Quadratmeter über 30 Kilometer von Dublin entfernt stolze 925 Euro kalt gezahlt.

Die Konsequenz jetzt ist, dass viele verkaufen müssen und um ihre viel zu hohen Kredite zurückzahlen zu können, werden unglaublich viele Häuser angeboten und das zu Preisen, die man vielleicht in Bonner Toplagen verlangen könnte, aber nicht hier in der Pampa. Aber wir wollen ja gar nicht kaufen. Und dadurch, dass so viele aus ihren Eigenheimen rausgeflogen sind ist auch endlich ein Mietmarkt entstanden. Gut für uns, aber natürlich dramatisch für die Leute hier.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 31. August bis 6. September 2009

Eine Woche voll mit irgendwas und doch nichts (Youghal, Irland)

Also wäre dieses Haus nicht auch das billigste von allen angebotenen gewesen, dann würden wir jetzt doch etwas sickig sein.

Da sucht man das Haus mit den meisten und größten Zimmern für die Kids aus und was passiert? Josua mault ständig, dass ihm sein Zimmer zu groß ist und auch Florian schläft konsequent lieber in unserem Bett, als in seinem.

Wir haben hin und her geräumt und Josua ist jetzt ins kleinste Zimmer, aber dafür mit Meer- und Inselblick gezogen und Florian kommt nachts mittlerweile nur noch einmal angetappst und akzeptiert nach leisem Protest seine Rückverfrachtung in sein eigenes, riesiges Doppelbett.

Still, our view. (Youghal, Ireland)

Und was haben wir für ein Glück gehabt, so schnell ein Haus gefunden zu haben. Seit Tagen regnet es hier ohne richtige Pause. Da hätte Campen und Schule echt keinen Spaß mehr gemacht. Aber gegen Ende der Woche wurde es wieder super schön mit diesen sagenhaften klaren Lichtverhältnissen, für die Irland so berühmt ist. Alleine dafür hat es sich schon gelohnt hier her zu kommen.

OK, die Schule ist nachhaltig nicht zu verachten. Josua und Lydia gehen auch noch nach einer Woche mit Begeisterung hin und haben sich über das blöde Wochenende beschwert, wo sie mit Ihren Eltern nach Cork fahren mussten. Da würde ich auch lieber in die Schule gehen.

Wir sind auch nachhaltig von der Schule und den Schulmaterialien angetan.

Was uns echt gelegen kommt ist, dass die Kids hier ihre Sprache quasi lernen wie Fremdsprachler. Soll heißen, es gibt extra Buchstabierbücher, wo pro Lektion 16 Begriffe geübt werden, die dann in einem kleinen Diktat am Ende der Woche abgefragt werden. Dabei handelt es sich nicht um hoch komplizierte Fremdwörter oder so. Josua hatte in der ersten Lektion so praktische Wörter wie „Is“, „To“, „Go“. Das liegt wohl daran, dass im Englischen die Worte nur bedingt so geschrieben, wie sie gesprochen werden. Daher müssen auch die englischen Muttersprachler die Schriftsprache Wort für Wort auswendig lernen. Eine bessere Vorlage um Vokabeln zu lernen kann man nicht haben. Und sowohl Lydia wie auch Josua können so kleine Erfolgserlebnisse verbuchen, da sie Englisch ohnehin als Vokabeln lernen müssen, so dass es besonders Lydia nicht sehr schwer fällt. Und wir können so auch jede Menge neuer Vokabeln dazu lernen.

Lydia hat unter anderem ein Mathebuch, welches nur aus kleinen täglichen Tests besteht und die konsequent jeden Tag gemacht werden. Somit haben Lydia und auch die Lehrer ein ständiges und unmittelbares Feedback und Lydia freut sich im Moment über ihre guten Leistungen. Ärgert sich nur, dass sie gelegentlich die mathematischen Begriffe nicht versteht.

Josua war vor lauter Englisch lesen und lernen plötzlich so panisch, er würde jetzt verlernen, wie man Deutsch liest, dass er sich sein Deutschbuch für die zweite Klasse genommen hat und abends immer fleißig die Geschichten darin ließt.

Mir war unklar, dass Kinder eine Fremdsprache als Bedrohung zur Muttersprache sehen könnten.

Ich weiß nicht, ob ich es schon erzählt hatte, aber es gibt keine richtigen Stundenpläne. Das ist mehr so was wie bis zur ersten Pause mathematisch orientierter Lernstoff und dann bis zur zweiten Pause rund um Englisch. Und Geschichte und Geographie werden je nach Bedarf, so unser Eindruck, unterrichtet. Wobei dieser Unterrichtsblock besser als Allgemeinwissen bezeichnet werden sollte, da hier alles auftaucht, was man mal gehört haben sollte.

Ansonsten gibt es noch Sport und Musik. In Musik wird wohl viel gesungen und Lydias Altersgruppe lernt Flöte spielen. Ich finde dies im Prinzip nur konsequent, denn theoretisches Notengelerne, welches oft in Deutschland auftritt, ist für Kinder ohne Instrumentenerfahrung doch echt für die Katz.

Ihr seht, noch sind wir total angetan und unser Commitment ist sehr viel höher als in Deutschland, zumal auf Grund der strikten Orientierung an den Schulbüchern für uns viel Einsichtiger ist, worum es geht. Und man muss ganz klar wissen, dass die Aufgabe der Schulen hier ist, auf die staatlichen Abschlussprüfungen vorzubereiten. Sollte eine Schule dieser Aufgabe nicht ausreichend nachkommen, wird sie relativ schnell ohne Schüler da stehen, da ja freie Schul- wie auch Schülerwahl existiert.

Somit müssen die Schulen einen echten Bildungsauftrag erfüllen und können sich nicht mit: "„Das ist ihr Problem, liebe Eltern!“" rausreden.

Aber schauen wir doch mal auch auf die etwas negative Seite, der Kostenaufwand. Wir sind die Woche viel hin und hergefahren, um in Dungarvan endlich die letzten Schulbücher aufzutreiben.

Für Lydia mussten wir 12 Bücher und für Josua ebenfalls 12 Bücher, wohlgemerkt kein Hard-Cover sondern mehr so Workbooks kaufen. Das ganze hat mal eben ungefähr schlappe 185 Euro gekostet. Ich habe nicht mehr alle Quittungen. Dazu kam die Uniform plus Sportuniform. Das waren auch noch mal 184 Euro. Also circa 370 Euro nur mal eben für Bücher und Uniform, Schulhefte und Schreibmaterial nicht mitgerechnet, ist ein stolzer Preis. Aber im Moment fühlt es sich so an, als ob es das Beste ist, was wir tun konnten. Niemand jammert, er will wo anders sein, oder die Schule sei scheiße. Es passt alles, macht alles viel Spaß und hat einen hauch von Andersartigkeit, ohne dabei zu überfordern.

Das einzigste, was mir nicht in den Kopf geht und mich viele Abende gekostet hat, ist, dass die Bücher alle eingeschlagen werden mussten. Nicht nur, was für eine Zeitverschwendung, sondern ökologisch auch eine echte Sünde. Dazu kommt, dass es unser Eigentum ist (war ja teuer genug) und ich bin schon der Ansicht selber entscheiden zu dürfen, ob ich den Kram einschlagen will oder nicht. Wir haben Schulbücher ein Jahr lang um die ganze Welt geschleppt, ohne dass sie eingeschlagen waren, und sie mussten bestimmt mehr mitmachen als Bücher, die hier normalerweise in der Schule bleiben. Ja, sie sehen benutzt aus, aber das sollte ein Arbeitsbuch ja auch. Ich schaue immer gerne auf Bücher, die ich durchgearbeitet habe und genieße, dass sie auch so aussehen. Wenn sonst nichts hängen geblieben ist.

Florian ist immer total aus dem Häuschen, wenn er das Meer sieht und das ist hier echt häufig. Wenn man mal den Regen und die Wolken wegdenkt, dann schaue ich auch gerade auf den Atlantik.

I love this view from my desk. (Youghal, Ireland)

Wir haben nachhaltig noch kein Internet. Dieses Mobile Broadband zu bekommen ist schwerer als einen Hypotekskredit, wie die Verkäuferin im Internetladen witzelte. Das Bankkonto ging da echt schneller. Mit dem Brief, den die Bank an unsere Adresse geschickt hatte, damit wir unseren Wohnsitz nachweisen konnten, Pässen, dreimonatige Kontoauszüge unserer Konten aus Deutschland und 500 Euro in Bar gab es umgehend ein kostenloses Konto für uns. Aber ein beglaubigter Ausdruck der Bank mit Stempel, der unsere Adresse bestätigen sollte, reicht immer noch nicht, um das Internet zu bekommen. Dafür brauchen wir entweder eine Stromrechnung, die Anmeldung beim Strom ist auch nicht ausreichend, oder einen offiziellen Kontoauszug. Der kostet aber und braucht fünf Tage Bearbeitungszeit. Es gibt hier glaube ich keine Kontoauszugsdrucker. Also müssen wir weiter warten, da wir uns gegen ein Festnetztelefon mit Internet entschieden haben. Zu teuer. Auch Fernsehn werden wir wohl nicht bestellen, da das irische Fernsehprogramm schon damals eine Katastrophe war und dafür um die 20 Euro im Monat zu zahlen brauch ich nicht. Wir schauen mal, was wir hier alles über Sateliten bekommen. Irgendwann führt Irland vielleicht auch DVB-T ein, das ist auf jeden Fall schon lange angekündigt.

Ach ja, diese Woche hatten wir noch einen Besuch unserer Vermieter. Es ist relativ unüblich, dass Vermieter und Mieter hier zusammentreffen. Das läuft alles über den Markler, der mehr sowas wie ein Hausverwalter ist. Somit hebt er auch den von beiden Seiten unterschriebenen Mietvertrag auf.

Wir hatten ja schon etwas Bammel. Wenn das jetzt so ätzende Typen sind. Waren es aber nicht. Es war ein älteres Ehepaar, die ausgesprochen nett waren und uns auch gleich den Nachbarn vorstellten.

Neben uns wohnt eine Familie mit zwei Kids, die zwei und vier sind. Daneben geht es mit drei und null Jahren weiter. Auf der anderen Seite haben wir Lydias Freundin Laura, die ganz nach Lydias Geschmack ist. Die beiden machen nichts anderes, als Hurling oder Fußball zu spielen. Und dann ist da noch ein Junge in Josuas Alter. Aber der taucht nur gelegentlich auf. Auf jeden Fall sind draußen immer viele Kids unterwegs und mit Wiese und Kletterbäumen vor dem Haus und der Strand in fußläufiger Entfernung konnten wir es doch echt nicht besser treffen.

The trees in front of our house. (Youghal, Ireland)
The beach not far away. (Youghal, Ireland)

Ansonsten habe ich glaube ich die ganze Woche durchgeputzt.

Apropos Kinder, hier laufen ja dutzende rum. Das Straßenbild ist echt ein anderes. Das Tolle ist, dass hier im Radio ein ganz lustiges Bild von Kindern gezeichnet wird. In den Wicklow Mountains war gerade ein großes Musikfestival und es wurden nicht langweilige Teenies interviewt, die Party machen, sondern man interviewte den Vater, der alleine mit seinen drei kleinen Kindern dort war und vom hervorragenden Kinderprogramm erzählte.

Oder eine andere Diskussion war auch klasse. Die Frage, ob man Kinder haben sollte oder nicht und alle Gesprächsteilnehmer waren unglaublich ehrlich, dass Kinder natürlich auch mal Schwierigkeiten erzeugen. Und einer berichtete, wie sie auf Grund eines ihrer Kinder einen Anschlussflug verpassten und er war in diesem Moment alles andere als ein Vorzeigepapi. Aber mal ganz ehrlich, das sind doch die Erlebnisse, über die man später schmunzelt und sich sagt, mensch was war das doch für eine Zeit. Habe ich keine Kinder, habe ich auch nicht diese unvergessliche Zeit, auch wenn jeder Singel im ersten Moment bei so einer Story sagen wird, das ist der Grund, warum ich keine Kinder habe.

Und was ich auch noch sehr interessant fand war die Antwort auf die Frage, ob sich der Studiogast nicht auch manchmal vorstelle, wie es sei ohne Kinder. Sie meinte dazu, dass der Mensch immer über ganz viele verschiedene Lebensmodelle fantasiert. Sei es in Hawaii am Strand mit Bikinifigur zu liegen, oder als Multimillionär in einem Schloß zu leben. Aber wenn sie ernsthaft sich wünschen würde, keine Kinder bekommen zu haben, dann würde sie ihre Identität negieren, denn sie ist die Person die sie jetzt ist, weil sie Kinder hat und gerne Mutter ist.

Ich habe ja immer mein Problem mit dem Begriff der Mutter, da er immer konoiert ist mit Mütterlichkeit und Aufopferung. Ganz ehrlich, wenn eigene Kinder bedeuten, dass man Mutter ist, dann bin ich das. Aber ich habe mich nie als aufopferndes Wesen mit übermäßiger Mütterlichkeit wahrgenommen. Sondern doch eher als ganz normaler Mensch, der das große Glück hatte drei gesunde Kinder zu bekommen und diese ein Stück auf ihrem Lebensweg begleiten zu dürfen. Mal besser mal schlechter, aber im Bemühen, es nach meinen Möglichkeiten halbwegs gut zu machen.

Apropos gut machen. Florian ist seit dem wir im Haus sind zunehmend ruhiger geworden. Ich würde fast sagen ausgeglichen. Am Anfang ist er immer noch raus zum Auto, um da zu spielen, aber mit der Zeit hat er das Spielen für sich im Haus entdeckt und genießt es.

Heute Morgen ist er ganz alleine runter, hat im Wohnzimmer ein bisschen die Blenden hochgezogen und es sich erstmal gemütlich auf dem Sofa gemacht. Man muss ja mal genießen seine Ruhe zu haben.

Normal life; strange after so long. (Youghal, Ireland)

Es ist seltsam wieder ein ganz normales Wochenende zu verleben. Mensch ist das schon lange her. Wir sind letztendlich doch schon über 14 Monate unterwegs und haben auch unsere Sachen immer noch nicht, so dass wir nachhaltig in einem gewissen Ausnahmezustand verharren. Wahnsinn, über 14 Monate. Und das Leben geht doch weiter und soviel besser, als wenn wir auf das letzte Jahr verzichtet hätten. Wo wären wir nämlich dann? Darüber möchte ich lieber nicht fantasieren.

Kaum zu glauben, aber der Iren liebstes Kleidungsstück scheint wie damals schon der Jogginganzug zu sein. Mensch, was sieht das scheiße aus, wenn die Hälfte aller Leute denen du begegnest in solchen, leider doch eher schlecht sitzenden Klamotten steckt.

Und auch wenn man sagt, dass es ein blödes Vorurteil ist. Es ist auf jeden Fall was dran. Hier laufen unglaublich viele rotharige, sommersprossige Kinder rum. Ich hatte die Charaktere bei Harry Potter ja für vielleicht ein bisschen überzeichnet gehalten, aber hier gibt es wirklich viele Dudleys und Ginnys.

Hey, zum ersten mal glaube ich, bin ich aktiv über EU-Politik informiert worden. Hier steht mal wieder eine Volksabstimmung über den Lisabon Vertrag an. Dafür gab es freihaus Werbe- und Infomaterial von der Referendum Comission, die extra dafür da ist, alle relevanten Informationen für eine informierte Volksabstimmung neutral aufzubereiten und zu vermitteln.

Was gibt es noch für kleine feine Unterschiede? Die Anzahl osteuropäischer Gastarbeiter ist nachhaltig hoch, obwohl mittlerweile viele gegangen sein müssen. Es reicht aber noch, um ein Regal im Tesco mit vor allem polnischen Leckereien zu haben. Dafür gibt es hier keinen Schokoladenpudding zum anrühren. Ist im Prinziep egal, ich hätte nur gerne einige Rezepte aus Südamerika gemacht, wo der Schokopudding halt Hauptzutat ist.

Ach ja, Quark ist hier auch so eine Sache. Als Ersatz lässt sich ganz gut der Joguhrt „greek style“ verwenden. Ansonsten kann man sich über das Angebot hier echt nicht beschweren. Es ist um Meilen besser als damals und preislich echt OK.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 7. bis 13. September 2009

Sind wir denn auf der richtigen Insel? (Youghal, Irland)

Wir haben Anfang der Woche noch einen kleinen Anfängerfehler gemacht. Es gibt hier häufig so ein Regenwetter, welches vor allen Dingen daraus zu bestehen scheint, dass irgend jemand den Regen mit 'nem Zerstäuber durch die Gegend zu pusten scheint.

Für uns war es einfach Regen und deshalb sind wir nicht zum Strand. Blöder Fehler. Irgendwo stand: „der wenig aufdringliche irische Regen“. So kann man das auch nennen, denn man kann bei dem Wetter hervorragend raus gehen.

Danach kam strahlender Sonnenschein, über 20 Grad und das schon fast eine Woche am Stück. Sehr ungewöhnlich. Ich bin mir gerade nicht mehr so sicher, ob wir denn auf der richtigen Insel gelandet sind. Man weiß ja nie, wo so 'ne Fähre letztendlich ankommt.

Wir haben es genossen, da wir ja nicht nur an einem Strand wohnen, sondern an einem echt tollen Strand. Rund neun Kilometer lang. Super sauber und steinfrei, zumindest auf den größten Teilen.

Und während die Kids geplanscht haben, sind Chris, Flo und ich gelaufen. Herrlich, wenn das Wasser so spritz und das Tragetuch ist nachhaltig unser bestes Stück. Florian tolleriert die Stunde durchs Wasser laufen und ich genieße es, ihn ein Stündchen am Tag wieder bei mir zu haben.

Und ich hätte es ja nicht für möglich gehalten, wir haben mittlerweile richtig Farbe bekommen. Bis zur irischen Bikinizone, also da wo die (immerhin) kurze Hose und der Pullover aufhört.

Vor lauter gutem Wetter wurde Josuas Sportunterricht an den Strand verlegt, ich kann mir Schlimmeres vorstellen, und wir haben alle etwas zu viel Sonne abbekommen, bei unserer Wanderung durch die Knockmealdown Mountains, wo wir am Sonntag hingefahren sind. Das nächste mal nehme ich einen Sonnenhut mit. Mensch was war das heiß. Florian sah hinterher wie ein kleines Glühwürmchen aus.

Soviel zum irischen Wetter.

It's a long way up. (Knockmealdown Mountains, Ireland)
Let's have a picknick. (Knockmealdown Mountains, Ireland)
And down again. (Knockmealdown Mountains, Ireland)
Still on the way. (Knockmealdown Mountains, Ireland)
A stunning lake? Wide-angle photography makes a lake from even the tiniest bit of water in the landscape. (Knockmealdown Mountains, Ireland)
Made it to the top. (Knockmealdown Mountains, Ireland)

Was sich diese Woche wirklich getan hat war, dass wir endlich, endlich unser Internet bekommen haben. Das heißt am Mittwoch kam endlich der offizielle Kontoauszug der Bank mit der Post, mit dem Christian sofort losgelaufen ist, um Vertrag und Modem zu besorgen. Kaum wieder vor der Haustür angekommen klingelt das Handy, man habe Christian das falsche Modem eingepackt. Och nee!

Chris also wieder hin und kommt mit dem richtigen Modem zurück. Jetzt hieß es hoffen und beten, denn es war nicht klar, ob wir hier überhaupt den Empfang für Mobile-Broadband-Internet erhalten können. Das wusste keiner so genau.

Aber es ging, reibungslos. Jetzt sind wir endlich wieder an die Welt angeschlossen, aber müssen auch wieder arbeiten.

Das war das Ereignis, was sich diese Woche wirklich getan hat. Das was sich dafür überhaupt nicht getan hat, oder nicht so wie wir es wollten, ist das Müllproblem. Wir hatten uns endlich für einen Anbieter entschieden, Chris hatte telefonisch uns dort auch angemeldet und es sollte auch eine Mülltonne kommen. Kam aber nicht. Als Chris nochmals nachfragte wurde uns mitgeteilt, dass es Probleme mit dem Computersystem gäbe, so dass man ausversehen dreimal den Betrag von unserm Konto abgebucht hätte. Sie könnten diesen auch im Moment nicht zurückbuchen, aber man würde uns einen Cheque per Post schicken und dann erneut den einmaligen Betrag abbuchen. Häää?

Gibt es noch Cheques in Deutschland, die man mit der Post verschickt? Das war aber gar nicht so sehr unser Problem, auf das Geld können wir eine Woche verzichten, nicht so aber auf die Mülltonne. Ja, die würde irgendwann kommen, also asap („as soon as possible“), was das aber nun heißt, wissen wir auch nicht. Tja, heute war zwar Mülllehrung, aber nicht für uns. Wir warten weiter.

Erklärt vielleicht auch den Müll in der Landschaft, der in Irland leider oft zu sehen ist. Wenn man per Gewicht abgerechnet wird, dann einfach in die Büsche damit.

Wenn wenigstens die Hunde mal in die Büsche gehen würden. Ganz Youghal scheint echt vermient mit Tretmienen und das bei den ohnehin so spärlichen Bürgersteigen.

Und wenn man beim Lidl irgendein Sonderangebot wahrnehmen möchte, dann sollte man morgens zur Ladenöffnung um 8 Uhr da sein, denn sonst sind die Dinge in Null Komma Nix weg. Und weg ist weg. Da wird nichts mehr nachgelegt, oder wie in Deutschland, wo die Sachen dann auch die ganze Woche vorgehalten werden müssen. Das nervt etwas. Aber mittlerweile wissen wir's und fahren nicht mehr extra dorthin. Und Angebote können hier manchmal echt krass sein. Da werden Produkte dann wirklich um die Hälfte reduziert und nicht, weil sie kurz vorm Ablaufdatum stehen. Das führte letzte Woche zu der Kuriosität, dass die fast abgelaufene und daher um 30 Prozent reduzierte Milch teurer war, also die frisch nachgestellte Milch der selben Marke zum halben Preis. Da können die Schildbürger echt noch was lernen.

Florians Sprachentwicklung ist leider nachhaltig katastrophal, so dass wir jetzt doch mal mit ihm richtig üben müssen. Er kennt zwar viele Worte, ist aber fast nicht zu verstehen, wenn man nicht weiß, was es heißen soll. Und jetzt spricht die Umwelt auch noch Englisch, das hilft nicht gerade.

Christian hat endlich einen Flug gebucht. Am 21.9. fliegt er zurück nach Deutschland. Wenn es nicht so blöd klingen würde, dann würde ich ja schreiben aus geschäftlichen Gründen und bei der Gelegenheit bringt er dann auch unseren Kram endlich mit. Wir leben ja nachhaltig in einem gut organisierten Provisorium.

Josua ist deswegen auch wieder zurück ins große Zimmer gezogen, da er Angst hatte, dass sonst nicht all seine Spielsachen ins Zimmer passen.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 14. bis 20. September 2009

Ich zweifel immer noch daran, auf der richtigen Insel gelandet zu sei (Youghal, Irland)

Kaum zu glauben, aber außer einen Tag mit ein bisschen Fiselregen hat die Sonne non-stop durchgeschienen.

Und weil das Wetter so toll war, gab es auch endlich Öl für die Heizung und ganz, ganz wichtig, da langsam Lagerengpässe entstehen, unsere ersehnte Mülltonne.

Country Clean hatte wohl totale Probleme mit ihrem Computersystem, so dass bei ihnen die Telefone heiß liefen. Auch wir hatten nochmals angerufen und es tat ihnen echt super Leid für all die Umstände.

Das coole war, wir hatten noch einen Cheque von damals aus Irland von sage und schreibe 11,74 Euro. Den konnten wir damals in Deutschland nicht einlösen, da das uns sonst 15 Euro Bearbeitungsgebühr gekostet hätte. Also gammelte der Cheque so seine sieben Jahre vor sich hin, um jetzt problemlos eingelöst werden zu können.

Ach ja, zu Country Clean. Sie riefen am Donnerstag morgen an und ein Typ mit einem abgrundtief geilen indischen Akzent benachrichtigte uns, dass die Tonne gleich käme. Christian musste sich echt das kichern verkneifen, weil wir mit diesem Akzent doch eher "wolle Rose kaufen" assoziieren.

Jetzt muss ich aber noch was zu unserem Haus sagen. Als aller erstes, ich mag es total. Es hat echten irischen Flair mit all seinen kleinen Macken und davon gibt es reichlich. Aber das macht es ja so liebenswert.

Da sind zum einen die Fenster, die nur nach außen aufgehen. Etwas gewöhnungsbedürftig und somit unputzbar. Und dicht sind sie auch nicht, obwohl Doppelverglasung. Schafft dafür ein gutes Raumklima. Die Schiebetüren zum Garten wurden gleich komplett falschrum eingesetzt, so dass man auch die Schlüssel falschrum drehen muss zum Auf- und Zuschließen.

Haustüren fallen hier nicht ins Schloss, so dass man sich zwar nicht ausschließen kann, aber das kann man auch mit anderen nicht. Heißt, dass man die Türen immer auch von innen abschließen muss indem man die Türklinke nach oben dreht. Sonst geht es nicht.

Die Beton gegossenen Einfahrten und Bürgersteige muss man einfach ausblenden. Das gehört hier halt auch dazu. Genauso wie die hohen Betonmauern auf die verdammt viele Häuser schauen.

Interessant ist hier ja vor allem, dass man die Immobilienkrise richtig merkt. Nicht nur, dass die Hauspreise sich halbiert haben. Die Kiste in der wir wohnen war zu Hochzeiten bestimmt mit 500-600.000 Euro angegeben worden. Jetzt nur noch mit 300.000 und es ist immer noch viel, viel zu hoch. Immerhin sind wir in Youghal.

Nein, woran man es wirklich sieht sind die riesigen neuen Wohngebiete, die hier überall gebaut wurden. 30, 40 Häuser, die alle identisch aussehen, ohne einen Baum davor und die Hälfte steht leer. Das sind Geistergettos, da sie auch immer als abgeschlossene Gettos gebaut werden. Man kommt nichtmals zu Fuß durch. Gruselig sind diese Areale. Die ganz noblen haben sogar Schlagbäume davor. Hilft ihnen aber auch nichts. Die Kaufkraft ist nicht da.

Aber jetzt soll alles besser werden. Irland hat als erstes EU-Land NAMA (so heißt hier die Bad Bank) eingeführt. Und womit begründen sie, dass es in Irland funktionieren könnte die Schulden auf die Zukunft zu verlagern? Nicht mit stetigem fast zweistelligem Wirtschaftswachstum in den nächsten zwanzig Jahren, wie man in Deutschland möglicherweise kalkuliert. Nein, Irland hat wohl als einziges EU-Land eine gesunde Demographie.

Es scheint so surreal, wenn man aus Deutschland kommt, aber Irland hatte letztes Jahr die höchste Geburtenrate seit 112 Jahren. Und zwar durch alle Altersgruppen hindurch. Also nicht nur Teeniegeburten oder so. Rund 44 Prozent Erstgebärende, was soviel heißt, dass 56 Prozent mehr als ein Kind haben. Das meinte auch Lydia, dass alle in der Schule natürlich zwei bis drei Geschwister haben. Und so ist auch das Straßenbild. Unglaublich viele junge Väter und Mütter, die hier immer mit ihren Sprösslingen unterwegs sind.

Manchmal gibt es regelrechte Kinderwagenstaus auf den Bürgersteigen. Das braucht dann immer etwas bis sich das Kinderwagenknäuel entzerrt hat.

Apropos Kinder. Florians Sprachtraining hilft, wenn man mal von so Begriffen wie "Raus!" oder "Scheiße!" absieht. So was lernen die ja leider nebenbei. Große Geschwister sind nicht nur vorteilhaft.

Den Rest der Woche haben wir wie blöd an unserer Webseite rumgebastelt. Ich hätte nie gedacht, dass das soviel Arbeit ist. Schon alleine eine Vorder- und Hintergrundfarbe auszuwählen hat Tage gebraucht. Wir wollen den Blog noch in eine vernünftige Form bringen, aber das haben wir nicht mehr geschafft, bevor Christian nach Deutschland fliegt. Misst, ich wollte doch endlich meine Web-Page.

Wir müssen noch unsere Laufzeiten am Strand, also im Wasser, optimieren, da es bestimmte Pegelstände gibt, wo man nicht mehr durchs Wasser laufen kann. Aber das macht so, so viel Spaß.

Ich sehe mittlerweile so aus, als wenn ich Kompressionsstrümpfe an hätte, so krass ist der farbliche Unterschied am Übergang wo die kurze Hose aufhört und die sonnengebräunte Haut anfängt. Ich bin ja immer noch am Zweifeln, ob wir wirklich auf der richtigen Insel gelandet sind.

Running through the water. (Youghal, Ireland)
The ocean is just so big. (Youghal, Ireland)
Just finished a flick-flack. (Youghal, Ireland)
Let's run into the water again. (Youghal, Ireland)

Lydia macht von der Schule beim East Cork Early Music Festival mit. Und weil die Kinderzahl von der dritten bis zur sechsten Klasse nicht reicht, haben sie Verstärkung von der Nachbarschule bekommen.

Und die Aufführung war echt spitze. In einer alten Kirche mit noch richtigem Holzgebälk und einer wahnsinns Akustik. Begleitet wurden sie von einem tollen professionellen Chor und Sängern. Selbst Flo schien es zu gefallen. Ach ja, gespielt und gesungen wurde "The Play of Daniel".

The Play of Daniel in St. Marys church. (Youghal, Ireland)

Lydia spielte die Königin und war auch schon von den Proben total begeistert. Sie genießt es endlich nicht nur zur Randgruppe zu gehören. Sie meinte, dass es hier keine Cliquen in der Schule gäbe, sondern dass immer alle zusammen spielen würden. Also alle Kids von der dritten bis zur sechsten Klasse.

Florian kann einen gelegentlich zur Weißglut bringen. Er hat schon wieder mein Portemonnaie erwischt. Jetzt freuen sich bestimmt die Kobolde über die 50 Euroscheine, die irgendwo liegen. Misst! Aber jetzt weiß ich endlich, warum alle immer so darüber wettern, dass Kinder so teuer sein sollen.

Weiter geht's im Herbst!



(c) 2008-2010 by backpacker-kids