Reif für die Insel

Irland - Der Herbst

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 20. bis 26. September 2010

Sklavenarbeit! (Youghal, Irland)

Mensch was bin ich angepisst. Das der Aufbau des Systems für meine Promotion viel Arbeit sein wird, war mir klar, ich drücke mich ja seit einem Jahr erfolgreich, aber soviel Arbeit? Ne, ne! Mittlerweile hat der Komplexitätsgrad die ursprüngliche Konzeption bei weitem überschritten und es nimmt kein Ende. Sämtliche Grundlagen müssen so gestaltet sein, dass ohne Probleme Erweiterungen und Anpassungen auf den Nutzer möglich sind.

Ich bekomme die Krise. Was haben Chris und ich uns in den Haaren. Es gibt wohl einen guten Grund warum man kaum interdisziplinäre Arbeitsgruppen aus Geistes- und Sozialwissenschaften und dem technischen Bereich hat. Während Christian die ganze Zeit von Eingaben und Ausgaben faselt, versuche ich verzweifelt das menschliche Verhalten so stark in seiner Variabilität zu reduzieren, damit das System dann auch handlungsleitend eingesetzt werden kann. Letztendlich macht das echt Spaß, da ich mit Christian noch nie wirklich in Bezug auf unsere fachlichen Ausrichtungen zusammengearbeitet habe und man, also ich, lerne ja verdammt viel. Vor allem was so unsere technische Umwelt angeht, mit der man so Tag ein Tag aus arbeitet. Und Christian wird mich für diese Aussage bestimmt killen, da sein fachlicher Hintergrund natürlich nicht die Programierung von Software-Anwendungen ist.

Youghal from the other side. (Youghal, Ireland)

Hatte ich das eigentlich gesagt, dass Grundlage meiner Promotion ein elektronisches Rezeptbuch ist. Was das eigentlich bedeutet ist, dass wir seit fast einem Jahr Rezepte sammeln. Und da aus Gründen des Copyrights man ja nicht einfach abschreiben und Fotos klauen kann, haben wir mittlerweile über 200 Rezepte im letzten Jahr gekocht und fotografiert. Blöderweise habe ich sie in einer ersten Version nur in Deutsch gespeichert gehabt, was bedeutet, dass ich im Moment wie blöd übersetze.

Streets of Ireland (Ireland)

Ach ja, und dann bin ich ja total frustriert. Ich war letztens bei Valerie. Valerie, die deutsch-irische Familie, die wir über CouchSurfing kennen gelernt haben. Ich hatte sie wegen der Ferien und so lange nicht mehr gesehen. Und wir schnackten so über dies und das und das ich wegen meiner Beckenschmerzen nichtmals mehr Walken kann. Sie fragte, ob ich irgendwelche Schmerzmittel nehmen würde. Und ich meinte auch nur, dass ich in meinem Zustand niemals Medikamente schlucke und 10 Wochen, die schaffe ich auch noch. Darauf Valeri, wie 10 Wochen? Meine Verwirrung war genauso groß. Na 10 Wochen bis das Baby kommt. Was für ein Baby? Na das, was ich seit fast 8 Monaten mit mir rumschleppe!

Da hat sie doch glatt übersehen, dass ich schwanger bin. Das ist mir jetzt schon öfter passiert. Dabei trage ich durchaus hautnahe T-Shirts, aber diesmal ist der Bauch eher in die Breite gegangen, im Gegensatz zu Florians Schwangerschaft, wo ich aussah, als wenn ich einen Fussball unterm Hemd hätte.

Mahon Falls, Ireland

So was frustrierendes, meine "letzte Schwangerschaft" und keiner bekommt es mit. Dabei ist es doch ein so unvergessliches Abenteuer. Wobei ich zugeben muss, wenn ich nicht so bewegungseingeschränkt wäre und das Baby nicht auch mal tritt, ich würde es wahrscheinlich selber nicht merken.

Aber dafür sind wir diesmal mitten drin und nicht nur dabei. Dabei bei den Kindern des Papstes ("Pope' Children"). Was sind das? Gute Frage.

1979 war der Papst in Irland und ein Jahr später 1980 gab es wohl die höchste Geburtenrate, die Irland je gesehen hat. Wie das miteinander korreleirt ist mir etwas unklar. Dennoch, diese Baby-Boomer bekommen jetzt trotz Krise und Arbeitslosigkeit uneingeschränkt Kinder, so dass 2010 mit einer der höchsten Geburtsraten Irlands gerechnet wird. Wow, wer hätte das gedacht, dass wir so etwas auch mal miterleben dürfen.

The secret place in front of our hous. (Youghal, Ireland)

Apropos Namenfindung. Das ist ja immer so ne Sache. Also ich hab einen Kompromiss gefunden, jetzt muss sich nur noch Christian anschließen.

Dann hatte ich über eine Stunde beim GP zugebracht, denn wir versuchten die unterschiedlichen Impfverordnungen für die Kids in Einklang zu bekommen. Faszinierend daran ist, dass Deutschland sich tatsächlich eine extra Runde gönnt. Ich glaube nicht, dass die Kids hier unzureichend immunisiert sind, aber Deutschland ist halt reich und hat eine extrem starke Pharma-Lobby.

More secret place. (Youghal, Ireland)

Und dann kam endlich, endlich unsere Bankkarte. Und damit es auch wirklich sicher ist, kam die Pin in einem seperatem Briefumschlag, nur die beiden Umschläge waren aneinander geklebt. Häää?

Jetzt haben wir endlich Kontoauszüge, um festzustellen, dass immer noch kein bisschen Kindergeld bei uns eingegangen ist. Das ist übrigens jetzt auf 150 Euro reduziert worden und die Diskussion geht weiter, ob man es nicht noch weiter reduzieren sollte.

Lydia durfte zu einem offiziellen Festakt sämtlicher evangelischer Schulen des County Corks, rund 400 Personen, eine Rede halten. Was hat die ein Glück, dass sie nachhaltig der Liebling der Direktorin ist.

Round tower of Ardmore. (Ireland)

Christian hatte mal hinter seiner Bewerbung nachgefragt. Und er steht auf der Short-List und bekommt auch ein ofizielles Interview. Da das ganze aber über die offizielle Stelle der Univerwaltung läuft, konnte der Typ mit dem Christian ja schon persönlich gesprochen hatte nichts weiter machen, als Chris anzubieten schon mal auf selbständiger Basis anzufangen. So eine Aussage spricht ja durchaus für sich, aber das Risiko, dass es dann hinterher doch alles nicht klappt bei dieser viel zu niedrigen Entlohnung als Selbständiger ist dann doch nicht vertretbar.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 27. September bis 3. Oktober 2010

Die volle Dröhnung (Youghal, Irland)

Das wohl spektakulärste diese Woche waren drei junge italienische Couchsurfer. Am Wochenende war noch ein deutsches Mädel da und jetzt hatten wir zum ersten mal jemanden da, der nicht fließend Deutsch oder Englisch sprach. Ging aber dennoch total klasse. Und ich war echt total beeindruckt. Sie waren gerade mal einen Tag in Irland und nur durch das Autofahren hier durchs Land haben sie tatsächlich die größten Probleme die Irland gerade beschäftigen gesehen. Mir war gar nicht klar, dass man das tatsächlich einfach so sehen kann.

Scary ghost estates in the country side. (Ireland)

Aber man kann. Sie bombardierten uns mit Fragen. Wie kommt es, dass in der Landschaft überall Häuser stehen, aber keine Industrie? Wovon leben die Menschen denn dann hier? Und was machen diese riesen Neubaugebietet, die alle ganz dunkel oder nicht fertiggebaut sind? Das nennt man die aktuelle Imobilienkriese.

Und ich will ja nichts sagen, aber ich habe das Gefühl, dass vielen hier das Wasser echt bis zum Hals steht. Letztes Jahr waren wir ja noch so beeindruckt, dass die Iren so ruhig und gelassen mit der Kriese umgehen, nur mittlerweile wird der Ton überall schärfer. Und selbst auf der Straße scheinen einige ihren Frust zunehmend auszuleben. Das kennen wir so noch gar nicht. Die Medien sind voll von Kriese hier Kriese dort. Irland hat eine Auswanderungsrate von rund 100.000 Menschen pro Jahr zu verzeichnen. Das ist in etwa die selbe Größe wie in Deutschland, nur dass Deutschland 80 Millionen und nicht nur 3,6 Millionen Einwohner hat. Und die, die nicht gehen, können zum Teil nicht, da sie ihre Häuser nicht mehr loswerden können und auf den Schulden sitzen, sonst wäre die Zahl vermutlich noch höher.

Mahon Falls. (Ireland)

Aber zurück zu uns. Das Wetter finde ich hier ja nachhaltig genial, auch wenn es jetzt mehr regnet. Dafür gibt es Wellen. Das ist ein Hintergrunddröhnen, wie wohnen an der Autobahn. Ist das lustig. Und da ich mich sowieso nicht bewegen kann, genieße ich das herbstliche Wetter in vollen Zügen.

In der Schule gab es eine Teilung des Pausenhofes, da es wohl zuviele Unfälle zwischen den großen und kleinen gab. So einen Vierjährigen hat man aber auch schnell mal übersehen. Auf jeden Fall darf alles kleiner zweite Klasse nicht auf die eine Seite und Josua somit nicht mehr mit seinen Chaps aus der dritten Klasse spielen. Erst fand ich diese Lösung echt scheiße, aber Josua ist dadurch im Moment ruhiger geworden. Denn mit zweien aus der dritten Klasse bin ich nicht so traurig, dass er da weniger Kontakt hat. Die sind einfach zu cool und männlich für diese Welt. Jetzt bastelt Josua auch wieder mit mir Halloween Geister und hängt sie in sein Zimmer, ohne dass es nicht cool genug ist.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 4. bis 10. Oktober 2010

Und plötzlich machte es plopp! (Youghal, Irland)

Jetzt verstehe einer einen Babybauch. Erst wird er übersehen und jetzt fragt man mich, was denn mit meinem Bauch passiert sei. Gute Frage, das frage ich mich auch gerade. Aber es scheint echt plötzlich plopp gemacht zu haben und jetzt habe ich auch zunehmend meinen Fussballbauch.

Youghal from the other side of the river. (Ireland)

Und wenn ich mich wirklich auf etwas freue, dann ist es endlich, endlich meinen Geschmackssinn wieder zu bekommen. Das ist diesmal echt ekelig. Sobald ich was esse ist mir danach schlecht und der Geschmackssinn signalisiert nur Baa. Und das ist total unabhängig davon was ich esse. Vieles kann ich schon im Vorfeld nicht angehen und die Liste wird immer größer. Nicht zu salzig, zu scharf, zu exotisch, zu fettig, zu süß, zu bitter, zu hast du nicht gesehen. Das geht mir so auf den Sack. Hat letztendlich dazu geführt, dass unsere Kochambitionen für das Rezeptbuch auf Eis gelegt werden mussten, da ich mit zu vielen Zutaten im Moment nicht mehr klar komme und so ein sinnvolles und abwechslungsreiches Kochen nicht mehr möglich ist. Sei es die Zwiebel, der Knoblauch, die Chili, das Huhn, das Hackfleisch oder der Fisch, wenn ich alle Zutaten aus einem Rezept herausnehme bleibt vom Rezept so wenig übrig.

In the forest of Kileagh. (Ireland)

Das einzige, was im Moment noch wirklich funktioniert ist Cola. Warum ausgerechnet Cola, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Und ich habe mich lange dagegen gewehrt, da ich ja gar nicht für solche Getränke zu haben bin. Aber sie schafft es die schlimmsten Ekelanfälle etwas abzupuffern. Wenn man mal davon absieht, dass Cola von sichaus ekelig ist. Hauptproblem hier ist das Koffein. Ich habe zum ersten mal in meinem Leben zunehmend Probleme mit einem steigenden Blutdruck und ich bin mir nicht sicher, ob Koffein da das Richtige ist.

Vielleicht kommt der Blutdruck durch meine Inaktivität zustande. Ein Körper, der schon immer daran gewohnt war sich sportlich zu betätigen und jetzt gar nichts mehr seit fast zwei Monaten macht, reagiert irgendwann bestimmt.

Ich hatte letztens einen Traum, ja, ja ich weiß, dass interessiert keinen, aber passt zum Thema, in dem bin ich gerannt. OK, jetzt werden einige sagen: "Na super! Ja, war super, denn das Rennen fühlte sich so an, als wenn man vom Fliegen träumt. Bin ich mittlerweile schon so weit, dass Rennen das Non Plus Ultra ist? So können sich Perspektiven verschieben.

Aber mal wieder zu was sinnvollerem.

Der tut nichts. Der will nur spielen. (Ireland)

Florian bringt ja einen Knüller nach dem nächsten. Geniales Alter, wenn es nicht gleichzeitig so anstrengend sein müsste.

Er liebt ja sein Kinderfernsehen über alles. Das heißt vor allem, dass er ständig ankommt und dieses schauen möchte. Neulich kam er an und fragte, ob er fernsehen dürfe und ich meinte nein. Daraufhin meinte er, dass "er" doch fernsehen wolle und ich müsse doch gar nicht fernsehen. Mensch, wie blöd von mir, dass nicht zu sehen, dass ich ja gar nicht fernsehen muss, wenn ich nicht will.

Mit Christian führt Florian diese Diskussion auch ständig und als Christian meinte, dass er (Florian) doch nicht den ganzen Tag fernsehen könne, meinte Florian nur ganz trocken dazu, "doch, ich kann das".

Und des lieben Florians nicht genug. Da hat er doch tatsächlich eine Ein-Euro-Münze in den CD Player im Auto geschoben. Alles Ausbauen hat nicht geholfen. Der Euro bleibt verschwunden und der CD Player nicht mehr nutzbar.

Streets of Ireland. (Ireland)

Und das Wickwaporub, welches ich Florian letztens auf die Brust geschmiert hatte, hatte dann auch sein Teddy überall und die Dose war leer.

Mittlerweile hat er auch rausgefunden, dass es gelegentlich Eis im Eisfach gibt. Womit er dann des Öfteren mit Eis voll beschmiert vorzufinden und die Eisdose leer ist.

Und er hilft ja so gerne die Einkäufe wegzuräumen. Nur leider nicht ganz in meinem Sinne. Da findet sich die Sahne dann auch schon mal im Abstellraum und die Kekse im Eisfach.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 11. bis 17. Oktober 2010

He got it! (Youghal, Irland)

Nach dem Christian mich das ganze Wochenende fast wahnsinnig gemacht hat mit seiner Nervosität und Montags und Dienstags um unseren Briefkasten herumwagabundierte, kam tatsächlich endlich der Brief mit dem Ergebnis des Job Interviews.

We started to use our fireplace as a heating, too. (Youghal, Ireland)

Und man glaube es kaum, trotz der hiesigen wirtschaftlichen Situation hat Christian den Job bekommen. Es verfolgt Christian, aber es ist mal wieder eine Wissenschaftsstelle an einem der Uni zugeordneten Institut in einem EU Projekt.

"Wer nicht suchet, der findet." Chris hat ja nie wirklich aktiv nach Jobs geschaut. Jetzt hat er auf jeden Fall einen und öffentlicher Dienst scheint wohl überall gleich zu sein, denn auch hier musste Christian zum Amtsarzt, nachweisen dass er ordentlich registrierter Weltbürger ist und studiert und promoviert hat. Nur sein Abi-Zeugnis im Original, das wollten sie dann doch nicht, diese Absurdität gab es dann doch nur in Deutschland.

Und öffentlicher Dienst wäre nicht öffentlicher Dienst, wenn es nicht alles furchtbar lange dauern würde. Das hatten wir in Deutschland auch schon immer, dass man ein sehr gutes finanzielles Polster braucht, um diese Verzögerungstaktiken überwintern zu können. Die Uni Bonn hatte damals anstatt der ersten Gehaltszahlung nach einem Monat nur satte 600 Euro Vorschuss für die ersten drei Monate überwiesen und erst im vierten Monat die Gehaltszahlung aufgenommen. Wir konnten sehen, wie wir mit 200 Euro pro Monat über die Runden kommen und Zinsen hat das Landesamt für Besoldung und Versorgung auf diesen Kredit, den wir ihenen unfreiwillig gewährt hatten, auch nie bezahlt. Man muss es sich halt leisten können da zu arbeiten.

Für uns bedeutet der Job vor allem, dass wir finanziell wieder etwas mehr Spielraum bekommen. Wir sind zwar noch nicht Pleite, aber nicht ständig das Gefühl zu haben, darüber nachdenken zu müssen, ob dies oder das es wirklich wert sei gekauft zu werden, besonders in Bezug auf die Kids, wäre ja doch zur Abwechslung mal wieder ganz nett.

Lydia! (Youghal, Ireland)

Und da kam dann auch unsere erste Polizeikontrolle ja wirklich "on time". Die waren auf der Suche nach ausländischen Autos, die hier nicht registriert sind. Das ist zwar nochmal gut gegangen, hat uns aber dazu veranlasst, umgehend mal nach einem neuen Auto zu schauen, unseres ist sowieso zu klein für sechs Personen, und nach einem Weg zu suchen, wie wir unser Auto jetzt so schnell wie möglich von der Insel bekommen.

An dieser Stelle kommt Super-Opa wieder ins Spiel. Der hat zum Glück nicht nur Spaß mit seinen Enkeln jedes erdenkliche Fahrzeug auszuprobieren, sondern liebt auch Mammut-Touren mit dem Auto. Er hat sich bereit erklärt zu Weihnachten per Flugzeug zu kommen und unser Auto auf dem Rückweg mitzunehmen. Per Fähre natürlich, nicht mit dem Flugzeug.

Puh! Das Fährticket liegt jetzt im Handschuhfach, falls wir nochmal in eine Kontrolle geraten sollten, so dass wir nachweisen können, dass das Auto definitiv die Insel in Kürze verlässt.

Ich kann das Auto leider nicht zurückbringen, da soweit ich informiert bin Raynair mich in meinem Zustand nicht mehr mitnimmt und Christian die ganze Zeit auf seinen Arbeitsvertrag wartet.

Florian also loves to help cooking. (Youghal, Ireland)

Ja, ich weiß, Alltagsleben auch in Irland ist absolut belanglos. Spätestens mit Ende diesen Jahres mache ich auf diesen Blog dann auch den Deckel drauf, denn ich bin wohl diejenige, die am meisten gelangweilt von dem hier geschriebenem Kram ist.

Wenn die Großeltern dann was von ihren Enkeln wissen wollen, müssen sie Wohl oder Übel zu Telefon und E-Mail greifen. Was ich jedem Großelternteil nur wärmstens empfehlen kann. Lydia hat ja sogar ein eigenes Handy und e-mail Adresse. Also ist niemand verpflichtet mit uns kommunizieren zu müssen, wenn er das nicht möchte, aber sich nur halbjährig mal bei seinen Enkeln zu melden, finde ich für die Kids echt schwer zu verstehen. Und ich frage mich wie lange Lydia und Josua das noch akzeptieren, bevor sie sich enttäuscht zurückziehen werden.

Aber nochmal zur Belanglosikeit dieses Bloges. Diese Schwangerschaft ist ja echt zum gähnen. Während beim Florian alles schief ging, ist hier nicht wirklich was zu berichten, als das was man in jedem Ratgeberbuch nachlesen kann. Beim Florian hatte ich schon in einem ganz frühen Stadium mit massiven Schwangerschaftsjuckreiz zu kämpfen. Ich hatte quasi die einmalige Gelegenheit mal zu erfahren, wie sich Neurodermitikar fühlen müssen. Mensch was sah ich aus. Meine Beine waren komplett aufgekratzt und an Schlafen war überhaupt nicht mehr zu denken. Diesmal ist dieser Aspekt nicht erwähnenswert. Auch nächtliche Hitzewallungen, oder eine überengagierte Brust, die schon mal Testläufe sprichwörtlich startet, so dass man dann Nachts anfängt T-Shirts wechseln zu müssen oder Bettdecke zu wenden ist diesmal alles nicht da.

Lydia's revenge! (Youghal, Ireland)

Und eigentlich wollte ich das "in Deutschland ist aber" und "in Irland ist aber" mal sein lassen, denn irgendwann wird das auch langweilig, zumal jedes Land so seine Pros und Cons hat. Und diese ständige Rumreiterei, das ist aber besser oder schlechter als das auf Dauer echt ermüdend ist und keinem der beiden Länder wirklich gerecht wird.

Aber wie so schön geschrieben, ignoriere ich es doch gleich wieder und mache genau das. Wir leben hier nicht nur ganz handfest auf einer Insel, sondern auch medientechnisch auf einer Insel der Glückseligen.

Da wir ja durchaus die deutschen Medien, insbesondere Schrift und Ton, verfolgen, sind wir darauf aufmerksam gemacht worden, was im deutschen Fernsehprogramm so läuft. Da wir das nicht glauben konnten, was da im Vorabendprogramm in einigen Privatsendern gesendet wird, hat Christian sich mal die Programmübersichten angeschaut. Ich muss zugeben, es macht uns sprachlos. Da schreit "Deutschland" ständig nach besserem Jugendschutz, aber mal das Fernsehprogramm zu reglementieren, das bekommt da keiner hin.

Jetzt muss ich fairerweise sagen, dass wir hier nur das frei empfängliche Satelitenfernsehn aus Großbritannien empfangen. Das heißt, wir haben keine Ahnung was beim Pay TV läuft. Aber auch über Satelit bekommen wir Privatsender, nur bis 20Uhr kann ich mir fast absolut sicher sein, dass nichts läuft, was nicht auch der Florian im Prinzip schauen kann. Nicht, dass das Programm hier nicht auch trashig ist, aber es laufen keine Werbe-Trailer von Filmen, Magazine mit fast Nackten, oder Sendungen, wo es nur darum geht, Leute vorzuführen und fertig zu machen, wovor ich Angst haben müsste, dass die Kids da durchzappen könnten. Und auch vom rausgepiepse von "Strong Language" kann man halten was man will, aber es macht Fernsehen schauen mit den Kinder echt friedlich, da ja auch die Sender ein Interesse haben, dass die Programme nicht nur aus Piepsen bestehen.

Zumal ich zugeben muss, dass die Titel von vielen deutschen Sendungen nur noch mit Superlativen und Extremen zu arbeiten scheinen. Schon die Programmübersicht hat mir den Rest gegeben.

Und nach dem ich wieder darauf rumgehauen habe, hier ist ja alles besser und da ist alles schlechter, muss ich natürlich zugeben, dass wir überhaupt kein irisches Fernsehn schauen, und das obwohl wir brav jedes Jahr unsere 160 Euro TV license bezahlen. Wir können nur einen einzigen öffentlichen Sender empfangen und den muss man auch jedes mal gesondert und langwierig einstellen. Nichts, was im britischen Fernsehn nicht auch laufen würde und die Nachrichten trotz Rundfunkgebühren tatsächlich Werbung zwischen drin schalten. Das finde ich auch richtig Scheiße, weshalb wir uns bei Irland auf Radio und Internetzeitungen beschränken.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 18. bis 24. Oktober 2010

Fund Raising! Fund Raising! Fund Raising! (Youghal, Irland)

Was geht mir das hier auf den Sack. Jede Woche mindestens ein Schreiben von Schule, Kindergarten oder Sportverein, wo wieder für irgendetwas gefund-raised wird.

Wir haben uns da mittlerweile komplett rausgezogen und spenden kategorisch gar nichts mehr. Es ist zuviel, der soziale Druck der darüber aufgebaut wird ist nicht vertretbar und als Josua letztens aus der Schule kam und glaubte, er müsse irgendetwas von seinem Taschengeld spenden, da die in der Schule so einen Stress gemacht haben, haben wir gesagt "jetzt reicht's".

Und die Dinge für die gespendet werden sollen sind aus betriebswirtschaftlicher Sicht echt Schwachsinn. Die Kinder sollten Geld für eine Organisation mitbringen, die sich für Menschen mit Seheinschränkungen einsetzt und Brillen bezuschusst. Das erste was mir dazu einfiel war, für Christian und mich hat auch noch nie jemand gefund raised, obwohl wir beide Brillenträger sind und im Gegensatz zu "medical card holdern", die bekommt man als irischer Staatsbürger mit niedrigem Einkommen, diese auch komplett alleine finanzieren müssen. Und Christians Gläser kosten immer alleine schon um die 250Euro durch seine starke Sehschwäche.

Aber egal, ist ja in Ordnung, wenn Menschen Interesse haben sich für so etwas einzusetzen. Problem war nur, dass uns versucht wurde zu erklären, dass das alles nur zu unserem Vorteil ist. Das ist ja immer das Motto von Fundraising. Wenn der Umsatz nicht stimmt, sucht man sich eine gemeinnützige Organisation und macht das Geschäft mit denen. Würde es um die Sache gehen, könnte man ja auch direkt spenden. Ich will das an diesem Beispiel mal vorrechnen. Die Schule hatte im Vorfeld von dieser Organisation Stifte in einem Wert von rund 100 Euro erhalten. Diese 100 Euro Warenwert für den Endkonsumenten heißt für den Verkäufer de facto einen Warenwert von circa 50 Euro. Die Schule wollte, dass jedes Kind rund 2 Euro mitbringt. Das sind bei 70 Kindern ein nicht unbeträchtlicher Umsatz von 140 Euro. Davon wird nun die Hälfte an den gemeinnützigen Verein abgetreten und es bleiben nach Abzug der Kosten ein extra Nettogewinn von 20 Euro (man bedenke, der kommt auf den Gewinn drauf, den der Produzent mit dem Verkaufen sowieso macht, da ja der Händler in dieser Wertschöpfungskette ausgeschlossen wird). Das müssen die nur mit allen Schulen in Irland betreiben und haben sich somit schlicht einen neuen Absatzmarkt geschaffen, der auch noch höhere Gewinnmargen generiert. Würden die Schulen die Stifte direkt beim Distributor für 50 Euro beziehen und die 70 Euro direkt an eine Organisation ihrer Wahl spenden, wäre der Spass 20 Euro biliger gewesen. Das ist wohl auch der Grund, warum Fundraising ein so heiß umkämpfter Markt ist, mit Gemeinnützigkeit hat das ganz selten was zu tun. Abgesehen davon kann man damit massiv bei den Steuern sparen, die dem irischen Staat ja so verzweifelt fehlen.

Isn't Josua making a better girl? (Youghal, Ireland)

Ich muss passen, ich kann mich für diese Art der Geldbeschaffung, alles unter dem Deckmantel des Fund raisings für den guten Zweck, echt nicht begeistern. Aber das mag ein echter kultureller Unterschied sein.

Andere Aktion war, dass die Kids Obst im Rahmen von Erntedank mitnehmen sollten. So weit, so gut. Nur das Obst sollte dann dem Comunity Hospital gespendet werden. Ich habe bis jetzt noch nicht rausgefunden, was das eigentlich ist, denn ein richtiges Krankenhaus scheint das nicht zu sein.

Jetzt könnte man sagen, wenn die Kids einen netten Ausflug machen und sich das Hospital da mal anschauen können, dann ist das ja ne nette Aktion.
Pustekuchen, einer der Lehrer hat wohl nach der Schule das Obst dort vorbeigebracht. Und anstatt das Obst mit den Kindern in der Schule gemeinsam zu essen, gab's für die Kids Pizza. Häää? Das entspricht nun überhaupt nicht der deutschen Pädagogik, durch die wir ja doch so ein bissel geprägt sind.

Das nächste ist ein Basar, den die Schule veranstaltet. Als sie das das letzte mal gemacht haben, ging wohl ein Großteil des eingenommenen Geldes für die Entsorgung der gespendeten Sachen drauf. Hier muss man für Sperrmüll bei der Müllkippe zahlen, auch wenn man die Sachen selber vorbei bringt. Das Geld soll paralel zum Basar über eine Tombola eingenommen werden. Dafür hat sich die Schule extra eine Glücksspiellizenz besorgt, die man braucht wenn man Geldpreise verlost.

Und eigentlich sollte das jetzt eingenommene Geld für neue Computer sein, doch anscheinend hat die Direktorin Druck gemacht, weshalb es jetzt für die mobilare Ausstattung der neuen Schule genutzt werden soll. Da muss ich auch wieder passen. Für die Ausstattung der Schule mit Tischen und Stühlen sind definitiv nicht die Eltern zuständig sondern das Department of Education. Natürlich bezahlen die keine 200 Stühle bei einer Schule mit nur 70 Kindern, aber die Ambitionen sind ja groß. Warum die Direktorin da jetzt so gierig wird ist nicht verständlich und die Motivation meinerseits mich irgendwo noch zu engagieren gleich bei Null.

Es geht ja auch nie um die Aktion selber. Ein schöner Weihnachtsbasar ist ja im Prinzip ne nette Sache, aber anstatt im Vorfeld mit den Kids Weihnachtssachen zu basteln und zu backen, die dann verkauft werden, steht auf dem Zettel, man solle so etwas als Spende mitbringen. Genau! Ich setze mich jetzt zuhause mit meinen Kids hin und bastele mal was. Nöö, sorry, aber das passt einfach nicht in unser Verständnis von all diesen Dingen.

Weiter geht es mit dem GAA Club. Die einzelnen Mannschaften werden fotografiert, um einen Kalender zu basteln, den man hinterher für viel, viel Geld erwerben kann. Und wenn man möchte, dass sein Kind mit Namen genannt wird, soll man 5 Euro dafür zahlen.
Wer's mag!
Nein, dass richtig krasse Fund Raising beim GAA ist eine Weihnachtsparty, wo das einzelne Ticket stolze 40 Euro kosten soll. Das heißt zwei Personen 80 Euro, für ne Party im Vereinshaus in Youghal. Bitte? Die Partys in der Comunity Hall kosten sogar 60 Euro und mehr pro Person.
Ich weiß ja nicht wie die Preisentwicklung in den letzten Jahren in Deutschland war, aber für 40-60 Euro hat man in Bonn schon ganz passable Operntickets oder Konzerttickets auf der Museumsmeile bekommen. Und das war Bonn, mit internationalen Gästen. Eine Weihnachtsfeier in einem Vereinsheim eines ländlichen Fußballvereins ist aber bestimmt billiger zu haben, oder?

Or maybe not. (Youghal, Ireland)

Und wer hätte es gedacht, nach ewigen Warten wurde Christian endlich benachrichtigt, wann er denn anfangen kann zu arbeiten. Erst hieß es kommenden Dienstag. Kurz darauf bekam er einen Anruf vom Chef der Personalabteilung, der irgendwie total angepisst gewesen sein musste, dass er von seinem Untergebenen übergangen worden ist. Also jetzt erst am Donnerstag, wobei das Institut meinte, dass am Donnerstag niemand da ist, der Christian einweisen kann. Egal, Hauptsache die Personalabteilung ist glücklich. Wobei der Typ von der Personalabteilung echt pampig gewesen sein muss und meinte, dass sie das eigentlich nicht so schnell alles machen würden. Und Christians eigenhändige Zeugnisübersetzungen ohne Beglaubigung normalerweise nicht akzeptieren. Da der Institutsleiter aber Deutscher ist und sich die Dokumente angeschaut und abgenickt hatte, wurde dies zähneknirschend angenommen.

Wofür braucht man eigentlich Personaler, außer um Arbeitsprozesse zu verlangsamen, denn Christians Eindruck war ja schon beim informellen Bewerbungsgespräch, dass das Institut ihn gerne einstellen würde. Und das war im August. Aber es musste unbedingt noch ein offizielles Bewerbungsverfahren veranstaltet werden, an dem die Personalabteilung beteiligt werden musste damit sie dann auch glücklich werden konnte.

But he looks cute, doesn't he? (Youghal, Ireland)

Ach ja, und weil ja alles seine Richtigkeit haben muss, hat die Personalabteilung erst nach der Zusage Christians Referenzen eingesammelt, womit aus Deutschland auch etwas verwunderte Mails kamen, warum denn noch Referenzen verlangt werden, wenn schon längst eine Zusage und alles existiert? Christians Antwort darauf war auch nur, dass man erst gar nicht versuchen sollte die Personalabteilungen von Universitäten zu verstehen.

Ja und jetzt wird es doch noch mal richtig spannend für uns hier. Das vierte Kind halte ich für sehr viel weniger eingreifend in unser Leben als die Tatsache, dass Chris ab Donnerstag dann wohl jeden Tag weg ist und auf Grund des EU Projektes auch hier und da in Europa unterwegs sein wird.

Wollen wir hoffen, dass unser Nachwuchs pünktlich ist. Er ist auf einen Sonntag datiert und normalerweise sind meine Kinder immer recht pünktlich gewesen. Wenn nicht, dann hab ich ehrlich keinen blassen Schimmer, wie das hier eigentlich laufen soll. Kann man unter Wehen Auto fahren, also selber? Und hat man beim vierten noch genug Zeit, vorher die Kids von Schule und Kindergarten abzuholen? Ihr seht, ich bin Städter und habe noch nie weiter als 10 Minuten von einem Krankenhaus entfernt gewohnt. Aber das Gute ist, dass in der Regel die meisten Entbindungen doch eher unspektakulär über die Bühne gehen.

Apropos Schwangerschaft, so langsam aber sicher geht mir das hier doch etwas auf den Sack. Den gestörten Geschmackssinn hatte ich ja schon erwähnt, aber zusätzlich habe ich echt das Gefühl geistig auf der Standspur zu stehen. Bis bei mir mal eine Information durchdringt. Oft erzählt mir Chris oder die Kids etwas, ohne das ich das überhaupt registriere und plötzlich tauche ich aus meinem geistigen Nebel wieder auf und stelle fest, ich habe keinen blassen Schimmer worum es eigentlich geht.

Lydia and Laura had so much fun to dress Josua like this. (Youghal, Ireland)

Wir haben eine Improvisation für unser Babybettproblem gefunden, da wir keine Lust hatten jetzt über 100 Euro in ein neues Babybett zu stecken. Als wir Florian unsere Babybettversion gezeigt haben schaute er erst ganz begeistert bis er feststellen musste, dass da ja noch gar kein Baby drin war. Was war der enttäuscht. Der ist mittlerweile auch total entnervt, dass immer mehr Sachen für das Baby hier auftauchen, ohne dass das Baby schon da ist. Das findet er total dämlich.

Short moment of instrumental interesst. (Youghal, Ireland)

Zu Josuas permanentem Desinteresse an allem. So langsam scheinen sich auch für uns erkennbare Interessen herauszubilden. Er ist schon seit Wochen Feuer und Flamme für Konstruktions- und Rollenspiele am Computer, weshalb wir ihn zur Zeit viel Zeit dafür auch geben. Mein Eindruck ist, dass er dadurch sichtlich ruhiger geworden ist, da er weder uns noch sich selber durch seine permanente Langeweile auf die Nerven geht. Rumgejault, dass ja immer alles schlecht und blöd sei, hat er echt lange nicht mehr. Ganz im Gegenteil, sämtliche Aktivitäten scheinen für ihn im Moment sehr an Qualität gewonnen zu haben. Und er hat das Kochen und Backen für sich entdeckt. Während Lydia nichtmals weiß, wie man Reis aufsetzt, ließt Josua geduldig die Rezeptanleitungen und kocht wirklich super mit. Den kann man auch 5 Minuten alleine in der Küche lassen und er macht richtig weiter mit was immer gerade gekocht wird.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 25. bis 31. Oktober 2010

Ende des Dornröschenschlafes!? (Youghal, Irland)

Ach nö, jetzt muss ich ja auch wieder richtig arbeiten. Jetzt wo Christian wirklich den ganzen Tag weg ist muss ich ja meine Zeit sinnvoll füllen und habe auch keine Ablenkung mehr durch jemanden, der mir die ganze Zeit eine Frikadelle ans Ohr labert.

Aber kurz von Anfang an. Diese Woche sind Halloween Ferien, weshalb alles noch gemächlicher anläuft als sonst. Da kommt Christians Job-Start echt ungelegen, denn das heißt um sechs aufstehen. Also für Christian, aber ich bin ja solidarisch.

Mahon Falls (Ireland)

Christians Start war am Donnerstag. Am Dienstag rief sein Companion quasi mitten in der Nacht aus Deutschland an und teilte ihm mit, dass sie einen städtischen Auftrag für Freitag hätten. Was soviel bedeutet, dass das System, an dem Christian das letzte Jahr gearbeitet hat, funktionieren muss. Also ein Tag, um sicher zustellen, dass dieses funktioniert und um sich schon mal auf seinen neuen Job vorzubereiten. Aber mal ein bisschen Stress wieder zu haben ist ja vielleicht auch ganz gut.

Und Christians erster Tag war wie er sein musste. Keine Sau war da, da sämtliche seiner Kollegen in Portugal zum Projekttreffen waren. Deshalb sollte Christian wohl auch eigentlich Dienstags zu arbeiten anfangen, damit er dann Mittwochs gleich mit nach Portugal hätte fliegen können. Nun darf er statt dessen am Montag einem interessierten Kunden aus Singapur erzählen, was das Institut alles kann und was nicht. Klasse, wie man nach zwei Tagen schon wissen soll, was so alles am Institut abgeht? Wobei ich vermute, dass diese ganze Konstruktion mehr aus der Not des Institutes geboren ist. Die müssen solche Probleme haben, qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen, dass sie wohl mehr Angst hatten, dass Christian absagen könnte, als dass sie auch nur in Frage gestellt hätten, dass Christian gleich mit dem höchst möglichen Gehalt einsteigt.

Mahon Falls (Ireland)

Das Gehalt entspricht genau dem, was man in Deutschland für einen vergleichbaren Job auch bekommt, nur muss man dazu wissen, dass das schon das durch die hiesigen Sparmaßnahmen im öffentlichen Dienst massiv gekürzte ist. Das kann einen dann doch stutzig machen. Was muss der öffentliche Dienst hier an Gehältern bekommen haben bevor alles den Bach runter gegangen ist. Der irische Ministerpräsident bekommt ja auch ein höheres Gehalt als der Präsident der Vereinigten Staaten. Hier könnte man den Eindruck gewinnen, dass es Irland etwas an den Verhältnismäßigkeiten fehlt. Ich weiß gar nicht, ob sie das Gehalt des Taoiseach auch endlich mal gekürzt haben.

Ich habe bis auf Weiteres meine ganzen Vorsorgetermine in der Klinik abgesagt, da es mir einfach zu weit ist dafür, dass dort exakt das selbe gemacht wird, wie beim Hausarzt. Dazu kommt ja jetzt auch noch, dass ich die Kids irgendwie wegorganisieren müsste, da man ja keine Kinder mitbringen darf. Wie gut dass das Verbot nicht für die Babys im Bauch der Mutter gilt.

So ein Schwachsinn! Egal, natürlich wurde mir vom Krankenhaus strikt davon abgeraten. Immer mit dem Argument, "wenn was mit dem Baby sei". Wenn was mit dem Baby ist, sollte das bei den gleichen Erhebungsmethoden auch vom Hausarzt gesehen werden und der Rest liegt ohnehin an mir. Aber bei der Massenabfertigung dort im Krankenhaus kann mir keiner erzählen, dass wenn ich als Schwangere nicht explizit auf etwas hinweise, die auch nur einen Deut mehr sehen als irgend jemand anderes.

Halloween. (Youghal, Ireland)

Und da ich nachhaltig keine Idee habe, wie ich eigentlich nach Cork kommen soll, wenn Christian nicht da ist, denke ich ernsthaft über eine Hausgeburt nach. Das würde zumindest bedingt die Organisation mit den Kids vereinfachen.

Hab ich eigentlich schon was zu unserer babilonischen Sprachverwirrung erzählt? Das ist hier mittlerweile ein Chaos. Wenn man Florian spielen hört, dann brabelt er immer in beiden Sprachen, zumal man auch sehr schön sehen kann, was im Kindergarten so an der Tagesordnung ist. "Stop it!", "No pushing!" oder "Jesus!" scheint ja häufig genutzt zu sein.
Lydia erzählte letztens davon, dass sie ja nichts "vermisst" hätte, seitdem sie nicht mehr Tanzen geht. Was? Gemeint war, dass sie nichts "verpasst" hat. "I haven't missed anything since..."

Aber am krassesten ist Josua. Man muss bedenken, dass er Deutschland mit sechs Jahren verlassen hat und das hört man. Nicht nur, dass er in irischer Manier immer auch die Endungen im Deutschen weg lässt, sondern dass man oft sein Gesagtes zurück ins Englische übersetzen muss, um zu verstehen was er eigentlich meint. Da erzählte er letztens davon, dass er nicht wisse, wie er eine Verabredung mit seinem Freund aussortieren solle. Häää? Gemeint war eine Verabredung zu treffen. "How to sort it out?" Dann gab es die "Ärgermacher", also "Troublemaker", und wie die sich selber wieder heraus kriegen. Was soll das denn bitte heißen? Ach so, "..and how they get themselves out of it." Und Josuas immer mangelhafteres deutsches Vokabular kann einem echt manchmal auf den Sack gehen. Ständig wird umschrieben, oder gleich das englische Wort genommen, welches wir in einem deutschen Satz normalerweise nicht akzeptieren. Wobei ich zugeben muss, das passiert mir auch oft, dass das englische Wort einfach soviel näher scheint. Da muss man sich echt zwingen nach dem deutschen Wort zu suchen und dieses zu nutzen. Nichts desto trotz, es ist echt eine super lustige Erfahrung zu sehen, wie Sprache sich verändert und wie Kinder mit zwei Sprachen umgehen. Zumal die soviel besser sind als ich mittlerweile. "Neid!"

So many Halloween treats. (Youghal, Ireland)

Ach ja, wir hatten ja noch Halloween. Nicht spektakulär, aber als die Kids von der etwas fragwürdigen Estate, die leider schräg von uns gegenüber liegt, anfingen mit halben Wackersteinen auf fahrende Autos zu schmeißen, da bin ich dann doch mal rüber zu Linda gegangen und habe gefragt, ob und was wir diesbezüglich machen sollen. Ihre Antwort war nur, dass man sich da tunlichst raushalten solle. Das letzte mal, wo sie die Polizei informiert hätten, wäre ein Tag später ihre Wohnzimmerscheibe eingeschmissen gewesen. Heiter!

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 1. bis 7. November 2010

Es gibt immer einen Bus! Und früher als erwartet... (Youghal, Irland)

Eigentlich war diese Woche sowas von belanglos. Wir versuchen uns alle damit zu arrangieren, dass Christian jetzt einen 9 to 5 Job hat.

Sweet memorys, when the day didn't start that early. (Youghal, Ireland)

Das wohl spektakulärste für mich war die schöne Bilderbuchszene, wo ich schon total angepisst bin, dass ich jetzt die Einkaufskiste alleine reintragen muss. Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich zum Teil so krasse Schmerzen in meinem Becken habe, dass es Tage gibt, wo ich echt Stühle vor mir herschieben muss, da ich sonst gar nicht mehr laufen kann.

Also Kiste ins Haus tragen eine echte Herausforderung. Soll ich alles auf einmal reintragen, was extrem schwer und schmerzhaft ist, oder mehrmals laufen. Das heißt aber viel laufen und auch scheiße viele Schmerzen.
Ich habe mich für alles auf einmal entschieden. Und wie in einem schlechten Film gab es natürlich den unaufdringlichen irischen Regen, als mir dann natürlich auch noch der Boden der Kiste rausbrechen musste genau in dem Moment, wo ich die Kiste aus dem Kofferaum herausgehoben hatte.
Mit jugendlicher Grazilität bin ich hinter den davon rollenden Lebensmitteln hergesprungen und habe die Dinge, die unters Auto gerollt sind dort belassen, da ich schon genug damit zu kämpfen hatte, den restlichen Kram vom Boden wieder aufzuheben.

Und mal von der Hüfte abgesehen, was ich mit stoischer Ruhe zur Kenntnis nehme, man kann sich erstaunlich gut damit arrangieren wenn man nicht zuviel erwartet und ein Ende ist ja absehbar, gab es dann doch eine unschöne Wendung. Ich hab letzte Woche noch zu Christian gesagt, dass die Schwangerschaft so ruhig ist, dass ich mir Sorgen mache, dass wir da nicht den ganz großen Show Down bekommen.

Around Youghal. (Youghal, Ireland)

So krass ist es noch nicht, aber mein Check Up beim GP (Hausarzt) war nicht so wie er sein sollte. Mein Blutdruck ist viel zu hoch, meine Blutwerte stimmten nicht und mein Urin wies auf eine Infektion hin.

Na, da bin ich ja jetzt doch schneller wieder im Krankenhaus als eigentlich geplant.

Das Gemeine an der ganzen Situation ist, dass ich mich eigentlich und besonders emotional total gut fühle. Das Baby strampelt fleißig und die Aussicht, dass es bald vorbei ist, puscht bei mir ungemein die Stimmung.

Aber mal zu etwas wirklich nettem. Christian fährt ja jetzt immer mit dem Bus und wir haben echt so ein Glück das Youghal so gut angebunden ist. Das ist echt Glück. Auf jeden Fall darf Christian jetzt viel über das hiesige Bussystem lernen. Auch so nette Späße, dass wenn die Straßen zu voll sind, der Bus auch mal gerne einen anderen Weg nimmt. Oder wer nicht kommt zur rechten Zeit ... und keinen Sitzplatz mehr bekommt, nicht mitgenommen wird. Und auch die Iren (wie die Briten) stehen brav in einer Reihe, auch gerne mal um die halbe Busstation in Cork, in der Hoffnung noch einen Platz im Bus zu bekommen.

Mahon Falls (Ireland)

Letztens war die Schlange wohl aber so lang, dass klar war, dass gut die Hälfte der Anstehenden den Bus eine Stunde später nehmen müssen. Aber wir wären nicht in Irland, wenn nicht auch hier gilt "es gibt immer einen Bus!" Es wurde von irgendwo her ein zweiter Bus herangeschafft, den man mit einem selbstgedruckten Schild "Bus Eireann" und "Youghal" versah und dem Busfahrer anhand einer Strassenkarte versuchte zu erklären, wo Youghal liegt und wie er dort hinkommt. Christian musste durchaus schmunzeln über diese Form der Lösung.

Da der Bus aber keinen Ticketautomat hatte, war ja von einer anderen Busgesellschaft, mussten nun alle Passagiere, die noch keine Tickets hatten, diese in der Busstation kaufen gehen. Das ging bei den ersten beiden Passagieren problemlos, doch dann kam ein alter Mann mit Krüken daher und den wollte man nicht quer über die Busstation scheuchen. Also wurde kurzerhand ein Bus organisiert, der eine Ticketmaschine hat, neben den Improvisationsbus gestellt und so der Vorgang etwas vereinfacht. Alle Personen die während der Fahrt zustiegen, durften auf Grund des Mangels einer Ticketmaschiene umsonst mitfahren. Einige waren so irritiert, dass sie nicht eingestiegen sind. Wer steigt schon in einen Bus mit einem selbstgedruckten Schild in dem niemand Geld für ein Ticket haben will, wenn man nicht Heizdecken oder Energiesteine kaufen will.
Und da der Busfahrer keine Ahnung hatte wo Youghal war, verfuhr er sich dann auch hier und da. Ist gar nicht so einfach einen Bus in einer engen Straße zu wenden.

Aber das schönste muss dann doch der alte Mann mit dem Handy gewesen sein, der den ganzen Bus zum lachen brachte, als er in schönstem irischen Akzent in sein Hany rief: "I was in town, got meself eight pints!" Wobei er für vier Litter Bier echt noch viele weitere interessante Telefonate führte. Damit der ganze Bus auch was davon hat, hatte er dann auch den Lautsprecher seines Handys an, so dass man auch das jeweilige Gegenüber hören konnte.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] 8. bis 14. November 2010

Und das Chaos geht weiter! (Youghal, Irland)

Meine Werte bleiben weiter schlecht. So eine Scheiße!
Mein GP hat mir empfholen für meine Untersuchung im Krankenhaus vorsichtshalber alles zum Dableiben mitzunehmen, falls die die Notwendigkeit sehen, mich dort zu behalten. Das passt ja echt alles super.

Left overs from Killeagh. (Ireland)

Und nicht, dass das schon genug Chaos sei, hat Christian vom 6. bis 10. Dezember ein Projekttreffen in Portugal. Klasse! Das kommt schon echt blöd, wenn er nach nur 6 Wochen am Institut sein erstes Treffen verpassen würde.

Da müssen wir jetzt aber echt darauf hoffen, dass alles gut geht. Soll heißen Baby on time und ich hinterher halbwegs laufen kann. Beim Florian hat es gut 6 Wochen gebraucht, bevor ich wirklich wieder ein schmerzfreies Becken hatte und diesmal ist es um das Becken echt noch mal eine Nummer schlechter bestellt, so dass ich mich nach einer Woche nach der Entbindung noch nicht wirklich als Speedy Gonzales hier sehe.

Im Zweifel müssen die Kids sonst mal für ein paar Tage nicht zur Schule gehen. Hier geht das ja Gott sei Dank. In Deutschland würde man sich vermutlich strafbar machen, dafür dass man gesundheitlich schon gestraft genug ist.
Und wenn alle Stricke reißen, dann würde ich auf das Angebot meiner Mutter zurückkommen, dass sie für ein paar Tage rüberkommt. Was ich echt zu schätzen weiß.

In front of our house. (Youghal, Ireland)

Tja, und die Untersuchung im Krankenhaus war alles andere als heiter. Es hat fast vier Stunden gebraucht, bis sie mich durch sämtliche Zusatzuntersuchungen geschoben hatten und das Ergebnis war niederschmetternd. Verdacht auf Präklampsie, was im ersten Moment zu der Erwägung führte, die Geburt vorzeitig einzuleiten. Doch dann kam der Scan und es zeigte sich, dass das Baby überdurchschnittlich klein im Verhältnis zu den anderen dreien ist. Also muss die Schwangerschaft so lange wie möglich aufrecht erhalten werden.

Und natürlich wollten sie mich stationär aufnehmen, aber das ist organisatorisch so schwierig, vor allem mit dem Florian, dass ich mehr Stress habe im Krankenhaus zu sein, als zu hause rumzuliegen und auf jeden Fips paranoid zu reagieren. Also hat man mich gehen lassen mit einem krassen Blutdrucksenker, der bei mir zu heftigen Nebenwirkungen führt, aber wenigstens ist der Druck auf den Kopf nicht mehr so hoch.

Am nächsten Tag war wieder das volle Programm im Krankenhaus dran. Mein Blutdruck ist jetzt zwar niedriger, aber leider immer noch hoch. Das ändert nichts daran, dass ich tagsüber fast nur noch schlafe.

Left overs from Killeagh. (Youghal, Ireland)

Wenigstens weiß ich jetzt, dass das Krankenhaus greift wenn etwas ist. Da war ich mir ja nicht so ganz sicher, ob sie bei der Masse die da pro Tag an Schwangeren durchgeschoben wird irgendetwas wahrnehmen.

Nächste Woche gehts dann weiter mit Doppler-Ultrasound und Blutdruck messen, Blutdruck messen, Blutruck messen. Bis dahin gehe ich in der übrigen Zeit aufs Zahnfleisch, da es mir keine Ruhe mehr lässt. Die Gedanken kreisen und kreisen. Und das Schlimmste ist, dass es voll und ganz an mir liegt zu sagen, wann wir ins Krankenhaus müssen. Das macht mich wahnsinnig. Ich weiß es doch auch nicht. Ich will ja jetzt auch nicht wegen jedem Bisschen hysterisch losrennen. Aber die Verantwortung die auf mir lastet ist fast unerträglich und treibt den Blutdruck bestimmt nochmal extra in die Höhe.

Christian ist derweil auch kaum mehr ansprechbar. Nicht nur, dass er wärend meiner Untersuchungen Florian bei sich im Büro auf dem Schoß sitzen hat, wenigstens geht das, sondern dass ja zeitgleich auch noch der Auftrag in Deutschland läuft, so dass er gut an die 16 Stunden pro Tag im Moment arbeitet.

Ach ja, und brauchten wir nicht noch ein neues Auto? Einen Siebensitzer hier zu bekommen ist nicht übermäßig schwer, da haben wir schon einige angeschaut, aber eine Versicherung zu finden, die unseren Schadensfreiheitsrabat aus Deutschland übernimmt, das ist eine Herausforderung.

Dann hatte ich meiner Supervisorin in Melbourne eigentlich eine Demo meiner Software versprochen und sämtliche Bewerbungsfristen für Stipendien kommen jetzt.

Und da Christian aus einem EU Projekt bezahlt wird, muss er bis Mitte Dezember die abgelehnten Zwischenberichte seiner indonesischen PhD Studenten neu machen, da der erste der gehen darf, wenn kein Geld mehr bewilligt wird, dann wohl Christian selbst sein wird.

Was ist das? Das ganze letzte Jahr war so friedlich und innerhalb von zwei Wochen kommt dann alles auf einmal.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] [Runter] 15. bis 21. November 2010

Advent, Advent ein Lichtlein brennt - oder was ist eigentlich eine Sturzgeburt? (Youghal, Cork, Irland)

Was geht mir das hier auf den Sack. Ständig im Krankenhaus zur Kontrolle und jedes mal die Diskussion, ob ich wieder nach hause darf, oder nicht.

Am Freitag kam dann das entgültige Aus. Mein Blutdruck explodierte nicht nur, sonder war absolut instabiel. Und da war ja noch das Eiweiß im Urin. Die Ärztin fragte, wo ich denn wohne und als sie hörte Youghal, meinte sie auch nur, dass das zu weit sei, für solch einen kritischen Zustand. Nein, ich müsse auf jeden Fall hier bleiben und würde das Krankenhaus auch nicht ohne Baby wieder verlassen. Ich hatte ja bis zum Schluss gehofft, dass ich ums Krankenhaus herumkomme, doch bei den Blutdruckwerten musste dann auch ich einsehen, dass das hier kein Spaß und Schwangerschaftszimperlein mehr ist. Und obwohl wir ja wussten, dass das passieren kann, saß der Schock tief. Auf der anderen Seite hat mich diese Maßnahme auch stark entlastet. Denn ständig diese Ungewissheit, ob ich jetzt wegen jedem Fipps ins Krankenhaus fahren sollte, denn es könnte ja was ernstes sein, oder ob ich nicht nur hysterisch alle wahnsinnig mache?

Erst eins... (Youghal, Ireland)

Man hat mir 2 Stunden gegeben, um alles zu organisieren. OK, wir hatten dieses Szenario ja schon mit den Kids durchgespielt, nur jetzt wurde es Realität. Meine Mutter hatte ja angeboten rüberzuhoppen. Also habe ich sie angerufen und gesagt, dass ihr Flug am Sonntag morgen geht und Christian sie dann einsammelt.

Ich hatte vorsorglich immer mein Krankenhaustäschchen dabei, so dass ich nicht nochmal nach Youghal musste. Und dann hieß es warten und die volle Dröhnung an Blutdrucksenkern. Netter Versuch! Es gibt wohl keine Behandlung gegen Präeklampsie, außer Beten und hoffen.

Misst, und Christian und ich hatten doch noch nichtmals einen Mädchennamen.

Am Samstag waren Chris, die Kids und ich noch gemütlich einen Kaffee trinken und beobachteten die unzähligen stolzen Väter, die alle mit zum Teil noch original verpackten Maxi Cosis das Foyer durchquerten. Und kaum war Chris mit den Kids weg und ich wieder am CTG brach das Caos aus. Mein Blutdruck ging durch die Decke und die Oberbauchschmerzen wurden zunehmend unangenehmer.

...dann zwei...(Youghal, Ireland)

Ich hatte zwar den Tag über ein paar Wehen gehabt, aber die waren, wie die anderen Tage auch schon, wieder vorübergeangen und im CTG waren keine nennenswerten Wehen zu sehen.

Ich habe Chris um virtel vor fünf angerufen und gemeint, dass wenn er in einer Stunde nichts von mir hört, er unbedingt losfahren muss, da sie dann bestimmt irgendetwas mit mir gemacht haben. Entweder die Geburt eingeleitet, oder Kaiserschnitt.

15 Minuten später traten die ersten unangenehmen Wehen auf, wo ich sagen würde die haben Potenzial. Potenzial aber mehr im Sinne einer langen Nacht. Ich also unter doch mich etwas verwundernt, extrem kurz aufeinander folgenden Wehen Christian nochmal angerufen und nur mit zusammengepressten Lippen "Komm! Jetzt!" ins Telefon geprustet. Ich hatte kaum aufgelegt, da platzte meine Fruchtblase.

...dann drei... (Youghal, Ireland)

Und während diese dämliche Ärztin meinte pampig werden zu müssen, da ja mein Muttermund erst drei Zentimeter sei und sie könne mich ja nicht in den Kreißsaal schicken, wenn es nicht ganz sicher sei, dass die Geburt losgehe, da der Kreißsaal total überlastet sei, habe ich nur mit den Augen gerollt, denn da waren überhaupt keine Abstände mehr zwischen den Wehen. Und eigentlich wollte ich diese stehend neben dem Bett veratmen, doch man zwang mich ins Bett, da man sich entschied, mich doch mal in den Kreißsaal zu bringen. Und es war keine Sekunde zu früh. Irgend jemand rief noch: "Don't push!" und "You can't get the baby here!" Nicht!?

Ich lag kaum, da viel der Wicht auch schon raus. Ich hörte es nur zweimal ploppen und es dämmerte mir, dass das schon der Kopf und 10 Sekunden später die Schultern gewesen sein müssen. Das hieß tatsächlich, dass nur nach wenigen Minuten, der ganze Spuk schon vorbei war. Keine Presswehen, kein Pressen, gar nichts. Der ist tatsächlich einfach rausgerutscht.

...dann vier... (Youghal, Ireland)

Eine so schnelle und schmerzfreie Entbindung habe ich noch nie erlebt und ich hätte es nicht für möglichgehalten, dass es so etwas wie Sturzgeburten tatsächlich gibt. Denn wie lange hat das alles gedauert? Maximal zwanzig Minuten vom ersten Anruf beim Christian, inklusive Eröffnungsphase, falls man in diesem Fall von Eröffnungsphase überhaupt sprechen kann.

Wann unser Sohnemann tatsächlich geboren ist, weiß niemand so genau, da alle so perplex waren, über das Tempo, welches der Wicht vorgelegt hat, dass keiner an die Uhr gedacht hat.

Jetzt haben wir eine Woche früher als erwartet, einen kleinen Noah mit 2560g und quietsch fiedel bekommen. Gemessen werden die Babys hier nicht.

Aber ein weiteres Mal, wo man mir mit dem Muttermund kam und dieser ja noch gar nicht ausreichend eröffnet sei. Außer beim Florian war das bei mir aber immer so. 4cm und dann kommen die Babys. Und dennoch ziehen sich Hebammen und Ärzte immer so daran auf. "Sind erst 4cm." Dann gehen bei mir die Alarmglocken an. "Was schon so weit?"

...dann flog ein Baby durch die Tür. (Youghal, Ireland)
Our little Noah. (Youghal, Ireland)

Und so schnell diese Entbindung auch ging, so lange dauerte die Nachbehandlung. Da die Entbindung viel zu schnell war, wurde ich hinterher malträtiert, damit die Gebärmutter sich wieder zusammenzieht. Das war echt der unangenehmste Teil der Entbindung. Und als Christian dann endlich 45 Minuten nach meinem Anruf ankam, war Gott sei Dank der ganze Spuk vorbei und er konnte seinen Sohn auf der Kinderstation abholen.

Vielleicht ist es echt besser so, dass er diesmal nicht dabei war, besonders wegen der Nachbehandlung. Wobei diesmal nichts gerissen und genäht werden musste. Klasse.

Family. (Youghal, Ireland)

Die Hebamme die die Entbindung gemanaget hatte, meinte auch, dass die letzte Entbindung die sie hier auf der Antenatal-Station erlebt hätte im April war. Und die Schwesternschülerin die mich den ganzen Tag spitzenmäßig betreut hatte, kam am Ende ihrer Schicht vorbei, nahm mich in den Arm und meinte auch nur: "Was für ein Tag und wie gut das das Baby nicht zwei Minuten später gekommen sei, da sie sonst mit mir alleine im Aufzug zum Kreißsaal gewesen wäre." Wäre unser Schlumpf eine Schlumpfine geworden, ich hätte ihr den Namen der Schwesternschülerin gegeben, denn außergewöhnliche Situationen, erfordern außergewöhnliche Maßnahmen.

Lydia meinte auch nur: "Noch ein kleiner Bruder!" und Florian brauchte etwas Zeit, bis er sich in der Rolle des großen Bruders zurecht fand. Nur Josua hat Noah von Anfang an heiß und innig geliebt. Dem muss man den Noah gelegentlich wegnehmen, wenn man ihn auch mal kuscheln möchte.

It's so cool to be a big brother. (Youghal, Ireland)

Auf Grund meines Blutdruckes durfte ich aber noch nicht gehen, so dass immer wieder Hebammen bei mir vorbeischauten, die in irgendeiner Weise an der Entbindung beteiligt waren und mir erzählten, wie sie das ganze erlebt haben. Eine erzählte, dass sie gerade im Kreißsaal angerufen hätte, dass wir jetzt kommen. Zehn Minuten später rief wohl der Kreißsaal an und fragte wo wir denn bleiben und sie meinte auch nur, dass hätte sich erledigt, dass Baby sei schon da. Da konnte sich der Kreißsaal eigentlich freuen, da sämtliche Stationen rund um Entbindung hier in Cork total überlastet sind, so dass die Frauen die schon entbunden haben auf andere Stationen ausgelagert werden müssen. Es sind einfach zuviele. Somit habe ich weder Kreißsaal noch die Geburtsstation je gesehen.

Und als meine Mutter am Sonntag morgen ankam, durfte sie auch gleich ihr Enkel in die Arme nehmen. So schnell kanns gehen.

[Ganz Hoch] [Ganz Runter] [Hoch] 22. bis... November 2010

Happy End! (Youghal, Irland)

Am Montag konnte ich dann gehen.

Tja, und jetzt ist die Zeit des Wartens vorbei. Wahnsinn! Eben noch schwanger und voller Sorge und von jetzt auf gleich ist es vorbei. Von jetzt auf gleich zurück ins Leben katapultiert.

1. Advent. (Youghal, Ireland)

Da ich kaum Probleme habe mit dem Laufen und selbst die Hüfte sehr freundlich gestimmt ist, konnte ich direkt in das Altagsgeschäft wieder einsteigen. Hätten wir das vorher gewusst, dann hätte meine Mutter gar nicht vorbei kommen müssen. Aber man weiß es ja nicht vorher und ich glaube meine Mutter hat es sehr genossen die ersten Tage mit ihrem Enkel zu verbringen. Das sind auch ganz besondere Tage und es sei ihr gegönnt, da sie bis jetzt keines ihrer Enkel je als Neugeborene erlebt hat.

Und pünktlich zum ersten Advent fing es hier an zu schneien. Da die Kids hier keine Schlitten haben, mussten die Body-Boards herhalten. Ging auch hervorragend.

A typical christmas scene. (Youghal, Ireland)

Und wegen der Wetterverhältnisse sind mal wieder die Schulen zu, aber das stört mich wenig, da Noah sich einen echt ätzenden drei Stunden Rhythmus zugelegt hat nach dem man die Uhr stellen kann. Auch nachts.

Die Wetterverhältnisse hier haben die Schulen für über eine Woche lahm gelegt. Unsere war mal wieder so intelligent, die Heizung auszuschalten, dass jetzt wieder die Rohre zugefroren sind und wir die einzigste Schule hier sind, die immer noch geschlossen ist.

Als ich Christian zum Flughafen bringen wollte, er muss ja nach Portugal, war es so glatt, dass wir entweder mit einer Seite des Autos auf dem Rasenstreifen neben der Straße gefahren sind, oder immer 10 Meter, aussteigen und schauen, wo es am wenigsten rutscht. Eltern aus der Schule an denen wir vorbeikamen, standen mit ihrem Auto schon im Graben. Und alle die auf dem Berg wohnen hatten ihre Autos unten abstellen müssen. Sah echt lustig aus, die ganzen geparkten Autos am Straßenrand.

Mmmm. (Youghal, Ireland)

Es half aber alles nichts, Christians Flug wurde gecancelt. Wobei nicht durchs schlechte Wetter, sondern durch den Fluglotzenstreik in Spanien.

Auch gut, wir haben die Gelegenheit genutzt auf dem Rückweg eben mal ein Auto zu kaufen. Jetzt brauchen wir nur noch die Versicherung, damit wir es dann auch abholen können. Aber alleine herauszubekommen, welche Nummer ich anstatt der blöden 0800 Nummer in Deutschland anrufen kann, denn 0800 Nummern gehen aus dem Ausland nicht, hat mich nerven gekostet. Dann akzeptierte die Versicherung hier nicht, dass das deutsche Auto auch weiterhin versichert bleiben muss in Deutschland, bis es verkauft ist. Ich habe einen ganzen Tag damit verbracht, mit den der deutschen und irischen Versicherung zu kommunizieren, um eine Lösung zu finden. Und es gab tatsächlich eine. 15 Minuten bevor die irische hier in Cork zumachte, war Christian da, um den Vertrag zu unterschreiben. Ich war derweil auf dem Weg aus Youghal, um Chris in Cork einzusammeln und dann unser neues Auto noch einzusammeln. Und trotz Berufsverkehr schafften wir es 10 Minuten bevor der Autohändler zumachte dort aufzuschlagen und endlich, endlich, nachdem unser Auto dort schon über eine Woche stand, mitnehmen zu können. Jetzt heißt es sich nicht nur an ein rechtsgesteuertes Auto zu gewöhnen, sondern auch wieder auf Kupplung umzustellen.

Sämtliche Kollegen von Christian müssen wohl zu Noahs Geburt auch nur gemeint haben, dass Christian entschieden zu lange schon in Irland ist. Getreu dem Motto der Hebamme, die Noahs Geburt begleitet hat und die schon fünf Kinder hat, ohne dabei älter zu sein als ich: "You have to catch up!"

Es ist eine echt seltsame Erfahrung dieses Mal alles rund um Kinder alleine machen zu müssen. Christian ist ja von 7-20 Uhr immer weg. Aber es ist eine interessante Erfahrung, nur Zeit ist absolute Mangelware. Wobei ich mich frage, ob es am Noah liegt, der drei weiteren Kindern, die ja auch noch da sind, oder weil ich wirklich alleine bin. Aber das belebt. Ich muss jetzt wieder schnell und effizient sein, so dass ich ungleich mehr schaffe, als während der Warterei in der Schwangerschaft.

A little dipute. (Youghal, Ireland)

Wenn Chris Abends nach hause kommt, bin ich schon auf dem Weg ins Bett, sonst schaffe ich das nicht. Somit ist Skype unser beider bester Freund gewurden, da wir sonst fast gar nicht mehr miteinander kommunizieren können.

Ich muss zugeben, ich spiele ja schon wieder mit dem Gedanken, vielleicht nächsten Sommer doch endlich zu unserem Over-Land-Trip nach Australien aufzubrechen. Lust hätte ich ja wirklich dazu.

A child educated only at school is an undereducated child. George Santayana.

Es fühlt sich schon seltsam an Christian nicht mehr die ganze Zeit um mich herum zu haben und dennoch ist es ein stiller Traum der wahr gewurden ist mit vier Kindern.

Wir haben es geschafft! Ein weiteres Mal haben wir die Ehre und das Glück ein kleines Wunder ins/durchs Leben zu begleiten. Wow! Was für ein Happy End?

I want some sleep, too. (Youghal, Ireland)

"Noch nie haben wir einen Augenblick sehnlicher erwartet.

Noch nie haben wir einen Augenblick befreiter erlebt.

Noch nie haben wir einen Augenblick tiefer geliebt.

Noch nie haben wir einen Augenblick tiefer gedankt.

In diesem Augenblick bist Du geboren.

Und hast unser Leben reicher gemacht."

Und nach drei Jahren Blog schreiben endet hier unsere Geschichte.

And more last impressions. (Youghal, Ireland)

Und ich habe ja echt überlegt, ob ich hier noch ein kleines Schmankerl reinsetze, getreu dem Motto, dass ich diesen Blog so angefangen habe und vielleicht auch so enden sollte. Aber ich verkneife es mir ins Detail zu gehen. Ausgangspunkt war eine total erboste Mail über den Kambodschaeintrag und unsere kleingeistige und welt unoffene Geisteshaltung. Kambodscha? Ich musste echt grübeln. Ist das lange her. Ich hab nochmal in den Blog geschaut. Oh mein Gott, dass ist echt heftig geschrieben. Was musste ich lachen. Das sind echte Momentaufnahmen, ungeglättet durch zeitlichen Abstand, mit der vollen emotionalen Dröhnung. Wo bekommt man soetwas schon mal zu lesen.

Last impressions of Ireland. (Youghal, Ireland)

Alles was ich zu so einer Mail zu sagen, oder besser zu fragen habe ist erstens, warum ließt jemand so einen Eintrag, wenn er diesen so scheiße findet? Und sich dann noch die Zeit nehmen eine lange Mail zu schreiben. Ich sehe das als ein indirektes Kompliment, denn anscheinend, scheint der Blog ja doch so zu faszinieren, dass trotz aller Wut Leute hängen bleiben. Und zur Weltoffenheit und Toleranz. Habe ich je behauptet dies zu sein? Wenn das so ist, dann müsst ihr mir die Stellen nennen, dann koregiere ich diese. Ich glaube nicht das wir das sind. Zumindest nicht in der Form, wie viele diese Begriffe verstehen, oder verstehen wollen. Für mich ist Weltoffenheit und Toleranz, wenn man diese Begriffe überhaupt vernünftig definieren kann, zum einen immer an das "in Bezug auf was?" geknüpft. Ich bezweifle das es eine generalisierte Offenheit gibt. Jeder hat seine wunden Punkte. Und zum anderen ist für mich Weltoffenheit und Tolleranz nicht nach außen, sondern nach innen zu verstehen, als Offenheit und Toleranz meiner Beschränktheit als "human beaing" gegenüber. Zu akzeptieren, dass man aus einem bestimmten Kultur- und Sozialisationsraum kommt, der einen in einer bestimmten Form auf die Dinge blicken lässt und andere Blickwinkel zwar nicht unmöglich macht, aber einen oft vor soviele Fragen stellt, dass man daran verzweifeln kann. Und ja, viele Dinge bleiben unverständlich, oder auch aus einer europäischen, vielleicht sogar aus einer deutschen Sicht falsch.

Last impressions of Ireland. (Youghal, Ireland)

Nur was mich doch sehr wundert ist, wenn mein Gegenüber so weltoffen ist, warum verurteilt er mich dann dafür, dass ich halt nicht so großartig sein kann wie er? Ich dachte weltoffene Menschen wären Menschen, die Menschen mit anderen Hintergründen und Möglichkeiten tollerieren oder sogar versuchen zu verstehen, warum sie so denken, wie sie es tun? Die Frage wird wohl auf ewig unbeantwortet bleiben.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen treuen Lesern Bedanken, für Kritik und Lob, all denjenigen, die mich zum Nachdenken gebracht haben und bei denen entschuldigen, denen ich auf die Füße getreten bin. Aber ich kann genau denen versichern, dass sie dadurch mit den nachhaltigsten Eindruck bei mir hinterlassen haben und das meine ich aufrichtig positiv.

Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben.

Und nicht vergessen:"Es gibt immer einen Bus!"

"The End!"

Für alle die hier und da nochmal etwas von uns hören wollen, können ja mal auf dieser Seite vorbei schauen: http://de.piccolini.com/channel/reise



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